Die Kraft, die in uns allen steckt

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- Meinung -
Ein schmales Hardcover ohne Extras, aber mit ansprechendem Äußeren, das gut in der Hand liegt. Auf knapp neunzig Seiten werden die Texte von vier Vorträgen, die der Autor anlässlich der „The Reith Lectures“ der BBC gehalten hat, abgedruckt.
Sie sind in englischer Sprache hier anzuhören:
https://www.bbc.com/audio/brand/m002mqm3
Vortrag 1: „Eine Zeit der Monster“ (A Time of Monsters)
Vortrag 2: Wie man eine moralische Revolution beginnt (How to start a moral revolution)
Vortrag 3: Eine Verschwörung der Anständigen (A conspiracy of decency)
Vortrag 4: Der Kampf für die Menschlichkeit im Zeitalter der Maschine (Fighting for Humanity in the Age of the Machine.)
Ich habe den Autor in seinem Buch „Moralische Ambition: Wie man aufhört, sein Talent zu vergeuden, und etwas schafft, das wirklich zählt“ mit Bauchschmerzen gelesen – und im Grunde geben die Vorträge kurz deren Inhalt wieder. Nur dass Bregman sie ein wenig vertieft bzw. erweitert. Deswegen könnte ich meine Bedenken zum anderen Buch auch getrost hier wiedergeben. Der Autor und seine Intension verwirren mich. Einerseits hält er sich offenbar für genau den Menschen, wie ein solcher auch sein sollte, die richtige Einstellung und Moral, quasi den richtigen Kompass. Er erzählt Persönliches: dass er in eine Pastorenfamilie hineingeboren wurde, mit fünfzehn an einem Essay verzweifelte, über berühmte Leute las und daraufhin beschloss, die Welt zu verbessern und die im Vorgänger erwähnte Schule (in der sich Leute mit einem Weltverbessererprojekt bewerben können, dann ausgebildet werden und am Ende eine gewisse Summe erhalten, um eine Firma zu gründen) selbst initiiert und gegründet hat. Dass er auch mal ins Silicon Valley eingeladen wird, um dort Reden zu schwingen, versteht sich von selbst.
Nun ist es keine schlechte Sache, die Welt verbessern zu wollen. Nur erzählt er ständig davon, greift aber keine Sache oder Thema auf, wo er ansetzen möchte – für ihn ist das eher eine allgemeine Angelegenheit. Dafür wiederholt er in den Vorträgen, was er in seinem Vorgänger bereits erzählte. Die Abolitionisten und ihre Abschaffung der Sklaverei. Mit einem Stirnrunzeln fragte ich mich, ob er tatsächlich glaubt, diese sei auf diesem Planeten abgeschafft. Dabei hat gerade die sexuelle Sklaverei rund um den Globus extrem zugenommen. Nightingale und ihre medizinischen Revolutionen. Und die Ortschaften und Menschen, die im Zweiten Weltkrieg jüdische Mitmenschen versteckten oder ihnen zur Flucht verhalfen (und das durchaus auch bezahlt bekamen!). Gleichzeitig definiert er immer wieder, gern zwischen den Zeilen, sein Bild eines solchen Weltenretters. Und das besteht nicht aus Normalbevölkerung. Das sind bei ihm grundsätzlich Absolventen von Eliteuniversitäten. Und die anderen, die sind eine graue Masse, die es zu verwalten gilt, so jedenfalls mein Eindruck von seiner Sicht der Welt. Ungläubig las ich einige seiner sog. Lösungsvorschläge, die so klingen: „Das bedeutet, dass ein paar gute Reden nicht genügen. Es bedeutet, dass wir dauerhafte Netzwerke von Personen und Institutionen aufbauen müssen: Wir brauchen kapitelstarke Geldgeber, die bereit sind, ihre Vorhaben auf Jahrzehnte anzulegen, anstatt in Wahlzyklen zu denken. Wir brauchen politische Denkfabriken, die Ideale in Gesetzesvorhaben umwandeln können. Wir brauchen Bewegungen, die vielfältige Wählergruppen überzeugen können. Wir brauchen kulturelle Plattformen, welche die öffentliche Meinung vom Gerichtssaal bis zum Klassenzimmer, von der Meinungskolumne bis zum Esstisch formen können.“ (Seite 70/71)
Immerhin scheint er doch erkannt zu haben, dass das Thema Geld eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielt (im Vorgängerbuch schien das nicht der Fall, er hat es dort also absichtlich ausgeklammert). Aber was ist, wenn Sie, lieber Autor, etwas politisch durchsetzen wollen, das Teile der Bevölkerung nicht (so) haben möchten? Hier sitzt ein riesiger Knackpunk. Ich möchte wiederholt darauf hinweisen, dass Wahrheit für den einen nicht unbedingt die gleiche Wahrheit für den anderen sein muss. André Paul Guillaume Gide sagte einst: „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“ Der Autor dieses Buches ist so stark in seiner Meinung und seiner eigenen Wahrheit verhaftet, dass man Angst bekommen kann. Solche Leute haben noch nie etwas Gutes geschaffen. Wenn meine Frage nämlich weitergedacht und das obige Zitat herangeholt wird, dann würde das nichts anderes bedeutet, als dass man schlaue Leute mit Geld (von anderen) dazu benutzt, den Willen der Mehrheit zu beeinflussen. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, benutzt er auch noch das Wort „Klassenzimmer“, also sehr junge Leute, die so gar keine Chance mehr erhalten werden, sich selbst zu finden und eben auch zu ihrer eigenen Meinung und Wahrheit. Das ist so perfide, dass mir die Luft wegbleibt! Welche Meinung vom Volk / den Völkern vertritt er hier eigentlich? Zusammen mit dem zweiten Vortrag, in dem ich das Gefühl hatte, er vergleiche sich selbst ein bisschen mit Lenin, da dieser sich in einer Zeit, als alles verloren schien, in das entstehende Machtvakuum gesetzt hat – und damit eine schlimme Zeit begann. Bregman will mit seinen Leuten (gibt es die?) irgendwie das Gleiche tun, nur hält er sich offenbar selbst zwar für ebenso geeignet, aber moralisch viel besser im Gegenzug zu einem Tyrannen. Mir war nicht klar, was genau er mit dem zweiten Vortrag bezweckt hat. Und dabei hatte er mich in Vortrag eins quasi abgeholt. Dort sind zwar auch viele Phrasen enthalten, aber ich war sehr positiv überrascht, als ich auf Seite 22 las: „Mittlerweile hat sich der utopische Horizont verdunkelt. Anstatt die Menschen mit der Vision einer besseren Zukunft zu inspirieren, hat sich die Linke nach innen gewandt und sich in immer kleinere moralische Kreise aufgespaltet. Sie grenzt bereitwillig aus und hat Mühe damit, Kompromisse zu schließen. Sie urteilt gern und überzeugt ungern. Die Reinigung durch öffentliches Anprangern hat die Mühsal der Koalitionsbildung ersetzt.
So haben wir heute Pronomen, aber keine progressiven Steuern. Wir erkennen die territorialen Rechte indigener Gemeinschaften an, aber wir bauen keine erschwinglichen Wohnungen. Wir haben eine inklusive Sprache, aber eine ausgrenzende Raumordnung. Die Optik stimmt, aber die Ergebnisse stimmen nicht. Kann es uns also wirklich überraschen, dass die Linke in den entwickelten Ländern Boden verliert? Natürlich nicht. Wenn man aufhört, zu bauen und zu organisieren, verliert man nicht nur Wahlen. Man verliert die Menschen. Und wenn sich die Linke zurückzieht, bleibt der von ihr geräumte Raum nicht leer. Andere stehen bereit, um ihn zu erobern.“ Danke. Danke für diese Worte, Herr Bregman. Das ist eben das verwirrende an diesem Autor für mich. Er sieht es, er erkennt das Problem, ist in der Lage es zu benennen. Und nicht täuschen lassen, obwohl er die Linke hier kritisiert, völlig zu Recht wie ich finde, ist er selbst ein Ultralinker. Das würde er aber vermutlich nicht von sich behaupten. Einmal las ich ungläubig, dass er weder rechts noch links sei, sondern neutral zwischen allem stünde. Das muss ich entschieden zurückweisen. Denn er benutzt ja sämtliche Schlagworte und Wortgruppen, die derzeit gerade „in“ sind. In diesen Tagen werden hier in Berlin die Wahlunterlagen verschickt und die Straßen hängen voller Plakate. Umfragen sagen, die Linke liege vorn. Auf den Plakaten stehen Slogans wie „Faschismus bekämpfen“ oder „Miete für alle“ oder „Enteignen“. Klar wird, dass die Linke erkannt hat, wie man Stimmen fängt. Denn das große zentrale Problem hier in Berlin sind einfach der fehlende Wohnraum und die extrem hohen Mieten. Persönlich frage ich mich, was wohl passieren würde, wenn alle Wohnungen verstaatlicht werden. Entscheidet dann auch der Staat, wer einziehen darf und wer nicht – oder wo und wie? Und wechselt das je Regierung? So realitätsfern ist die Frage übrigens nicht: In dem Arbeiter- und Bauernstaat, in dem ich geboren wurde und den es heute nicht mehr gibt, war das Praxis. Da hat man nur eine Wohnung erhalten (oder konnte / durfte ein Haus bauen), wenn man ein paar Voraussetzungen erfüllt hat. Und eben weil ich vieles von dem, was einige Leute (wieder) für eine gute Idee halten, bereits erlebt habe (bzw. es von der älteren Generation erzählt bekam, ich habe mit vier noch keine Wohnung gesucht), lese ich solche Bücher mit Bauchschmerzen. Ganz besonders, wenn ich den Autor nicht einzuschätzen weiß. Der schreibt auf Seite 69 (im dritten Vortrag) ernsthaft, im Zusammenhang mit den sog. Fabianern und warum sie ein Vorbild sein sollten: „Wir können Länder errichten, von denen Menschen träumen, weil das Alltagsleben dort im besten Sinn verschwenderisch ist. Länder, in denen die Erträge des technologischen Fortschritts allen zugutekommen, anstatt von einigen wenigen gehortet zu werden. Länder, in denen Freizeit, Schönheit und Sicherheit das Geburtsrecht jedes Menschen sind.“
Mein Eindruck des Autors ist, dass er um jeden Preis berühmt werden möchte, aber nicht egal wie, sondern auf eine gute Art so wie Gandhi oder Mutter Teresa. Dass beide wohl auch nicht so ohne waren, sei dahingestellt. Sie haben Gutes getan, moralisch gut, aber waren dennoch nicht unfehlbar. Wie ordnet man so jemanden in ihrer Gusto eigentlich ein, Herr Bregman?
Das dünne Büchlein mit den vier Vorträgen widmet sich noch weiteren Themen, nicht zuletzt Religion und deren Abbau. Es entstehen überall dunkle Flecken, Lücken, die früher von etwas gefüllt waren. Aber heute? Stehen die Leute da und wissen dummerweise gar nichts mit sich anzufangen. Genau hier setzt der Autor an. Diese Lücken müssen gefüllt werden. Dabei geht er offenbar davon aus, dass die Menschen nicht nur unbedingt an etwas glauben müssen, sondern auch geführt werden wollen. Ich bin von diesem Menschenbild noch nie überzeugt gewesen. Besonders, wenn man sich anschaut, wen er für seinen Kriegszug um die Moral gewinnen möchte. Bei ihm geht es um die sog. „Elite“, keine Handwerker, Pflegepersonal, Sicherheitsgewerbe, Arbeiter etc. Warum nicht? Haben die schlicht zu wenig Geld? Aber sind es nicht genau sie, die das Rückgrat einer jeden Gemeinschaft bilden, eben weil sie mit ihren eigenen Händen arbeiten und wirklich etwas schaffen?
Die Vorträge nun mussten in etwa eine Stunde Redezeit hineinpassen und konnten deswegen nicht in die Tiefe gehen. Der Autor, übrigens ein Historiker, greift jede Menge Themen auf – wer aber mehr dazu lesen möchte, sollte zu einem anderen seiner Bücher greifen. „Die Rückkehr der Hoffnung“ (der pathetische Titel sei beachtet) ist mehr als eine Art Einführung in den Autor und seine Themen zu begreifen. Er hat kurzgefasst, was er in anderen Werken genauer beleuchtet. Ich rechne ihm hoch an, dass er die Welt verbessern möchte und es auch aktiv angeht. Aber ich habe in meinem Alter bereits genug gesehen und gehört, dass ich weiß, dass so jemand schnell (und oft unbemerkt) übers Ziel hinausschießt – und dass es genau dann für alle anderen unangenehm werden kann. Daher würde ich gern einmal erläutert haben, wo er seine Grenzens sieht und zieht bzw. die des Projekts. Wir sollten den Menschen mehr zutrauen und sie nicht in Klassen aufteilen, nur um dann zu behaupten, wir würden eben jene abschaffen – am besten mit Enteignung und hören Steuern für Reiche (ohne das zu definieren). Wir sollten für bessere Bildung und Aufklärung sorgen, aber nicht für Meinungs-Bildung oder Meinungs-Lehren (oder gar Meinungs-Journalismus). Warum nicht einfach mal laufen lassen? Gerade in Deutschland hatten wir jetzt genug „Systeme“ in den letzten hundert Jahren. Und es schälen sich derzeit ja zwei heraus, die möglicherweise eine Zukunft bilden könnten. Persönlich halte ich sowohl die linke als auch die rechte für ungeeignet und schaue mit Argwohn auf beide. Welche sich durchsetzen wird, ist bisher unklar, aber dass keine von beiden unserem Land guttun wird, liegt auf der Hand. Eine Menge Menschen haben das bereits erkannt und die Flucht ergriffen. Wo ist die neutralere Mitte? Derzeit greift sie die Lebenswirklichkeit der deutschen Bevölkerung massiv an und hat sich zudem als ziemlich frauenfeindlich herausgestellt. Das macht es allen anderen noch leichter.
Es wird jedenfalls keine Diskussion auf Augenhöhe mit jemandem geben können, der glaubt, er und nur er habe voll den Durchblick und/oder sei die moralisch bessere Version eines Menschen. Und das Thema Geld ausklammert. Wer hinter sich Geld vereinen kann, wird immer mehr erreichen, aber wurde hier dann die Welt verbessert oder Geld verdient? In das jeweils bestehende Machtvakuum setzt sich doch jedes Mal nur jemand hinein, weil eben Macht und Geld winken. Vielleicht ist es dieses System, das quasi über allen anderen Systemen kreist, das diskutiert gehört. Aber das ist wohl zu abstrakt gedacht. Bregman jedenfalls hat begriffen, was richtig klingt, das bezeugt seine jeweilige Wort- und Begriffwahl, (noch) nicht so recht, was richtig ist (oder sein könnte) bzw. wie man wirklich hilft, das ist meine Meinung. Als habe er noch immer die rosarote Brille des einstigen Fünfzehnjährigen auf. Bei vielen Punkten wünscht man dem Autor besseren Durchblick. Sieht er die Realität dessen, was er jeweils nicht anspricht in der Tat nicht oder klammert er es einfach aus?
Ich werde wohl bei Gelegenheit noch mehr vom Autor lesen, vielleicht verstehe ich dann irgendwann, warum er mich so irritiert. Wer einmal in seine idealisierte Ideenwelt hineinschnuppern möchte, sollte in diese vier Vorträge reinhören – oder sie lesen.