Vier Lektionen über Moral – aber wo bleibt die Hoffnung?

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Mit dem Untertitel Vier Lektionen über die Kraft der Moral kann ich nach der Lektüre von Rutger Bregmans Die Rückkehr der Hoffnung durchaus etwas anfangen. Mit dem eigentlichen Titel deutlich weniger. Bregman zeigt anhand zahlreicher historischer Beispiele, dass gesellschaftlicher und moralischer Fortschritt möglich ist. Warum daraus für unsere Gegenwart eine „Rückkehr der Hoffnung“ folgen soll, hat sich mir allerdings nicht wirklich erschlossen.

Der erste Akt ist laut Bregman der „Notlage“ gewidmet. Diese beschreibt er durchaus treffend, auch wenn vieles davon angesichts der heutigen politischen und gesellschaftlichen Situation wenig überraschend ist. Gestört hat mich allerdings seine Aussage, der Geburtenrückgang in reichen Ländern sei vor allem darauf zurückzuführen, dass sich „Anhänger der Linken gegen die Elternschaft entscheiden“. Das erscheint mir viel zu pauschal. Finanzielle Unsicherheit, mangelnde Gleichberechtigung, die beruflichen und finanziellen Folgen von Elternschaft – insbesondere für Frauen – und nicht zuletzt die Sorge darum, in welche Welt man ein Kind setzt, sind wesentlich komplexere Gründe.

Deutlich mehr stimme ich Bregman bei seiner Kritik am Versagen politischer Führung zu. Viele unserer heutigen Probleme sind nicht überraschend entstanden. Der demografische Wandel und die Probleme der deutschen Rentenversicherung sind seit Jahrzehnten bekannt, ebenso wie der Klimawandel. Trotzdem wurden notwendige Entscheidungen immer wieder vertagt, bis die Handlungsspielräume zunehmend kleiner wurden.

Im zweiten Akt, der laut Bregman der „Rettung“ gewidmet ist, habe ich diese Rettung allerdings nicht gefunden. Bregman zeigt anhand von Beispielen wie der Abschaffung der Sklaverei oder dem Frauenwahlrecht, dass kleine Gruppen engagierter Menschen große gesellschaftliche Veränderungen anstoßen können. Das ist richtig und durchaus ermutigend. Nur beantwortet es für mich nicht die Frage, was daraus konkret für unsere heutigen Probleme folgt.

Gerade beim Klimawandel stoßen diese historischen Vergleiche für mich an Grenzen. Er ist ein globales Problem, für dessen Lösung letztlich sehr viele Staaten und Gesellschaften zusammenarbeiten müssen. Gleichzeitig reicht es nicht, Lösungen zu kennen. Menschen müssen auch bereit sein, ihr eigenes Verhalten zu verändern und gegebenenfalls Privilegien aufzugeben. Wissen und moralische Überzeugung führen eben nicht automatisch zum entsprechenden Handeln.

Ähnlich sehe ich deshalb Bregmans Aussage, kleine Gruppen fürsorglicher und engagierter Bürger könnten die Welt verändern. Historisch gab es immer wieder Menschen mit Einfluss oder Zugang zu einflussreichen Positionen, die ihre Möglichkeiten für weniger privilegierte Menschen eingesetzt haben. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass Menschen in heutigen Machtpositionen dasselbe tun. Gerade dort, wo Veränderungen die eigenen Privilegien betreffen, stehen moralische Ziele schnell persönlichen, wirtschaftlichen oder politischen Interessen gegenüber. Auch Bregmans Forderung, die klügsten Köpfe für die großen Probleme unserer Zeit einzusetzen, setzt deshalb etwas Entscheidendes voraus: dass diese klugen Köpfe gleichzeitig einen moralischen Kompass besitzen und bereit sind, selbst die Konsequenzen ihrer Lösungen zu tragen.

Mit dem vierten Akt konnte ich schließlich am wenigsten anfangen. Bregmans persönliche Erkenntnis als Jugendlicher, dass die Welt ganz anders sein könnte, als er bis dahin angenommen hatte, erscheint mir zwar nachvollziehbar, aber nicht besonders außergewöhnlich. In unterschiedlicher Form gehört eine solche Erkenntnis vermutlich für viele Menschen zum Erwachsenwerden.

Am interessantesten fand ich deshalb ausgerechnet einen seiner letzten Gedanken: Entscheidend sei nicht, was Menschen glauben, sondern was sie tun. Genau dieser Satz bringt für mich gleichzeitig die Stärke und die Schwäche des Buches auf den Punkt. Er lässt sich positiv lesen: Menschen können handeln und dadurch die Welt verändern. Aber genauso lässt er sich negativ lesen: Menschen können sehr genau wissen, was richtig wäre, und trotzdem nichts tun.

Bregman zeigt überzeugend, dass Veränderung möglich ist. Was mir fehlt, ist eine überzeugende Antwort darauf, warum wir darauf vertrauen sollten, dass sie angesichts unserer heutigen Probleme tatsächlich und vor allem rechtzeitig stattfinden wird. Vier Lektionen über die Kraft der Moral habe ich bekommen. Auf die versprochene Rückkehr der Hoffnung warte ich nach der letzten Seite allerdings noch.