Zu retrospektiv-verträumt

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lulu Avatar

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Im 90-Seiten-Büchlein „Die Rückkehr der Hoffnung“ von Rutger Bregman finden sich die Abschriften von vier Vorträgen, die eigenen Angaben zufolge den drei Teilen jeder guten Predigt folgen: Notlage, Rettung und Dankbarkeit.
Schon nach wenigen Seiten wird deutlich, dass der Autor seine Gedanken hier weniger streng systematisch darlegt, als vielmehr etwas assoziativ, streckenweise wiederholend und gelegentlich auch aus der eigenen Biographie plaudernd seine Wahrnehmung von Vergangenheit und Gegenwart der moralischen Verfassung der Menschheit darlegt.
Diese mit historischen Figuren, Ereignissen und Anekdoten geschmückte Darstellung mag als anspruchsvolle geistreiche Unterhaltung vor Publikum funktionieren, aber als Buch ist es mir persönlich selbst für 90 Seiten zu wenig.

Im ersten Teil vermutete ich noch eine historisch hergeleitete Provokation und fand den Vergleich der USA mit dem Untergang des römischen Reiches und der Situation Europas mit dem schleichenden Tod Venedigs ein passendes Bild für die allseits bekannten Missstände. Die Kritik am Abtauchen hoch qualifizierter und bestens bezahlter Uni-Absolventen in Bullshit-Jobs ohne echten gesellschaftlichen Nutzen sprach mich sogar direkt an, nachdem ich mich schon während der Corona-Epidemie gefragt habe, warum ausgerechnet die unentbehrlichen systemrelevanten Jobs zu den am schlechtesten bezahlten gehören, während die besser bezahlten Berufsvertreter größtenteils gemütlich zu Hause bleiben konnten.

Doch in den folgenden Vorträgen mit den vermeintlichen Lösungsansätzen für eine moralische Erneuerung der Gesellschaft verliert sich Bregman nach meinem Geschmack in historischen Anekdoten und bildreichen Beschreibungen seines Traums von einer friedlichen Neuausrichtung, angestoßen durch eine kleine Gruppe überzeugter Menschen. Hier bleibt alles unscharf, idealisiert-verträumt und eher retrospektiv. Mir fehlen konkrete Vorschläge, wie sich so eine moralische Neuorientierung aus Überzeugung und ohne Gewalt bewerkstelligen ließe. Wie wäre es mit Überlegungen zur guten Nutzung von sozialen Medien und einem moralisch fundierten Gegenpol in der Ausgestaltung der von ihm gescholtenen KI ?!