Feuer bis zur letzten Zeile

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jollybooktime Avatar

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"Du ... Du machst doch jetzt aber kein Drama, oder?" (S. 114)

Als Jella auf dem Polizeirevier zu Protokoll gibt, was passiert ist, tut sie das zum ersten Mal. Obwohl es viele Momente davor gegeben hätte, in denen es längst notwendig gewesen wäre. Streiten, schreien, fluchen, beschimpfen – all das kannte sie aus Auseinandersetzungen mit Yannick. Doch diesmal kamen seine Faust in ihrem Bauch, seine Hände um ihren Hals hinzu. Jetzt sitzt Jella wieder in ihrem alten Kinderzimmer und spult in Gedanken zurück, versucht zu verstehen, wie sie zu der Frau wurde, die sie heute ist.

Eigentlich hatte Jella schon immer versucht, eine schönere Version ihres Lebens herauf zu beschwören, die es in Wirklichkeit nicht gab. Getrennte Eltern, Plattenbau, ein wackliges Selbstwertgefühl ... Jella lernte früh, sich über Blicke und Meinungen anderer zu definieren. Noch bevor sie wusste, wer sie selbst werden wollte, wusste sie genau, wie ein Mädchen – später eine junge Frau – zu sein hat: schlank, strahlend, unproblematisch. Ein Körper, der gefallen soll; eine Haltung, die niemanden stört. Das „Frauwerden“ bedeutete für sie nicht das Entdecken einer eigenen Identität, sondern das Erfüllen eines Drehbuchs, das andere geschrieben hatten. Was sie wirklich dachte oder fühlte, verschwieg sie lieber. Bloß nicht anecken, bloß keine Last sein. Fehlverhalten erklären, entschuldigen, wegschweigen. Und oberstes Ziel: begehrenswert sein. Nicht nur ein roter Faden in ihrer Biografie; es hatte sich eingebrannt in ihre DNA.

So überrascht es kaum, dass sie nicht bemerkte – oder nicht bemerken wollte –, wie sich die anfangs leichte, euphorische Beziehung zu Yannick langsam in ein gefährliches Gefüge verwandelte. Eine Dynamik aus Hitze, Abstürzen und diesem trügerischen Gefühl, nach jedem Streit stärker miteinander verbunden zu sein. Auch Jella folgte den Regeln dieser Beziehungen, in denen Schmerz und Nähe ineinander übergehen und das Gift zum Bindemittel wird. Es ist ein Spiel, dessen Züge vorauszuahnen, Kraft kostet – und bei dem am Ende niemand gewinnen kann.
„Wir brauchen diese Hitze anscheinend. Und die kickt doch, oder?“ (S. 228)

Auch wenn es mit einiger Verzögerung bei mir gelandet ist: Es ist nie zu spät für dieses Buch. Ich hab's innerhalb von 24 Stunden inhaliert, konnte nicht aufhören, diese brennenden Seiten umzublättern. Ruth-Maria Thomas kreiert Figuren, die authentisch schmerzen und Narben hinterlassen. Sie schreibt nicht nur von weiblicher Scham, die bis zur Selbstverleugnung reicht, über Misogynie und fehlende Loyalität unter Frauen. Sie liefert Ausrufezeichen für Fragezeichen. Jeder ihrer Sätze sitzt - von der ersten bis zur letzten Zeile!