Ungewöhnliche Dystopie

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"Die Spur der Vertrauten" von Christelle Dabos spielt in einer dystopischen Welt, in der das "Wir" über allem steht und Individualität gefährlich ist. Jeder Mensch folgt einem angeborenen Instinkt, dem man nicht entkommen kann.

Die Hauptfiguren sind Claire, eine "Vertraute", die zuhören muss, und Goliath, ein "Schützer", der Leben retten muss, auch wenn er sich selbst gefährdet. Als Jugendliche verschwinden und niemand reagiert, forschen sie gemeinsam nach. Das führt sie tief in ein System, das mehr unterdrückt als zu schützen.

Der Grundgedanke der Welt ist klasse. Die Idee der alles bestimmenden Instinkte ist originell und verstörend zugleich. Die Lebensumstände erinnern an die 1990er und geben der Geschichte einen eigenwilligen und nostalgischen Flair. Dabos erzählt ruhig, oft zwischen den Zeilen, mit wechselnden Perspektiven. Gerade am Anfang muss man mitdenken, damit man den Anschluss nicht verpasst.

Die Figuren sind nicht leicht zugänglich. Claire und Goliath sind widersprüchlich und entwickeln sich langsam, was sie glaubwürdig erscheinen lässt, aber auf Kosten der Nähe zu den Figuren geht. Das langsame Tempo und die eher philosophischen Betrachtungen sorgen für einige Längen. Das offene, abrupte Ende wirkt unbefriedigend, da viele Fragen unbeantwortet bleiben.

Insgesamt ist "Die Spur der Vertrauten" trotz kleinerer Schwächen eine ungewöhnliche Dystopie mit einem interessanten Gedankenexperiment.