Emotionaler Krimi-Kracher

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alasca Avatar

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Der Roman schließt inhaltlich an „Die Guten und die Toten“, Koplins ersten Roman um Nihal Khigarian und Saad El´Jaber an. Man kann ihn als stand-alone lesen, aber mehr hat man davon, wenn man den Vorgänger kennt.

Diesmal geht es um einen Drogenkrieg. Das gibt Tote, und prompt ist Nihal mit den Ermittlungen befasst. Was sie zunächst nicht weiß ist, dass Saad mit seiner Tochter Leila nach Berlin zurückgekehrt ist und mithilfe seines alten Kumpels Mohammed auch schon einen neuen Job gefunden hat. Bald steckt er unfreiwillig mitten im Geschehen – und Nihal mit ihm, was sie eigentlich auch nicht will, oder vielleicht doch?

Koplins Ansatz, mit den Figuren Geschlechterklischees zu konterkarieren, ist mir zwar grundsätzlich sympathisch. Aber Saad als perfekter, super-liebevoller Vater der unwiderstehlichen, 5jährigen Leila fand ich manchmal einen Hauch kitschig und Nihal mit ihrer mühsamen Impulskontrolle und dem Sixpack, erarbeitet durch 1000 (tausend!) Situps täglich, hat Bindungsangst für gleich drei typische Macho-Männer. Vor allem Nihal wirkt dadurch etwas überzeichnet.

Aber dennoch, das passt zu den starken Farben, mit denen Koplin malt – und sier hat ihren/seinen Figuren eine durchaus überzeugende Psychologie verpasst. Von toxischer Familie bei Nihal bis hin zum schweren Trauma von Saad sind die Ursachen ihres Verhaltens nachvollziehbar. Vor allem aber ist Entwicklung zu spüren – Faktor 1 in der Kunst, Charaktere interessant zu machen. Ich mochte auch die schrägen Nebenfiguren und wie Koplin die migrantische Kultur Berlins zum Leben erweckt – vom Hm-brummenden Chef Nihals bis zum Kioskcafé mit Corporate(!) Branding.

Das Tempo ist nicht mehr so atemberaubend wie in Koplins erstem Berlin Noir, den ich quasi inhaliert habe. Diesmal geht es etwas ruhiger zu, und insofern würde ich diesen zweiten Band der Saga auch eher als Krimi denn als Thriller einordnen. Die Krimihandlung liest sich zwar durchaus spannend, aber der eigentliche Thrill entstand für mich durch die Frage, ob Nihal ihre Bindungsangst überwinden kann oder nicht. (Wir erinnern uns: Im ersten Roman ist ihr das gründlich misslungen.)

Langsam ist der Krimi aber auch nicht – es gibt einige nervenzerfetzende Momente und vor allem der finale Showdown lässt es krachen. Dazu die pointierte Sprache mit ihrem stakkatohaften Duktus, die witzigen Dialoge und der sarkastische Humor, der den ganzen Text durchdringt – das macht in Summe einfach Spaß. Und als Bonus gibt es zwischendurch Outcast-Philosophie vom Feinsten. Unterm Strich komme ich auf stolze 4,9 von 5 Sternen ;-).

Zwar scheint mir die Story um Saad und Nihal zunächst auserzählt, aber ich bin sicher, Kim Koplin fällt was ein, um diesem Duo Infernale wieder Arbeit zu verschaffen. Wenn es soweit ist, bin ich gerne dabei!