Die unendlich lange Liste der Versäumnisse
Schon der Annotationstext des Verlages C.H.Beck, bei dem dieses Buch erscheint, lässt den Leser schlucken. Die beste Freundin nimmt sich das Leben, gleichzeitig mit dem Beginn des Krieges Russlands gegen die Ukraine. Christiane Hoffmann, die Russland, Osteuropa, den Iran, auch die inneren Zirkel der Macht kennengelernt hat, die vor fünf Jahren den Fluchtweg ihres Vaters zu Fuß, allein gegangen ist, das in einem ergreifenden Buch beschrieb, sie versucht, das Unerklärliche begreifbar zu machen. Schon in „Alles, was wir nicht erinnern“ warnte sie auf sehr intensive Weise vor den Kriegsgelüsten und Machtbestrebungen Russlands. Ich hörte das Hörbuch zufällig genau zu Kriegsbeginn. Ihre Weitsicht hat mich damals tief erschüttert. Und die Ignoranz des Westens kommt uns teuer zu stehen.
Die Autorin beginnt das Buch mit der Beerdigung ihrer Freundin, „meine Freundin“, das wird man auf den folgenden fast dreihundert Seiten sehr oft lesen. Mich hat es etwas irritiert, jede Figur im Buch, ob Putin oder ihr Ehemann Tim oder ihre Kinder Clara und Marina, sie alle werden beim Namen genannt, aber die beste, engste, liebste Freundin bleibt „meine Freundin“. Sucht die Autorin anstelle der Nähe eher die Distanz zu ihr, um die inneren Verletzungen nicht überhand nehmen zu lassen? Eine Freundin zu haben, die an einer schweren psychischen Erkrankung leidet, in diesem Fall wurde eine bipolare Störung diagnostiziert, das ist ebenso bedrückend, wie gleiches in der Familie zu erleben. Immer steht die Frage im Raum, wie weit kann ich gehen mit guten Ratschlägen und Hilfsangeboten, wo ist diese rote Linie, die man nicht überschreiten will? Bleibt man dahinten, kommt es zu der dramatischen Situation, die die Autorin zweimal erlebt, der Suizidversuch und der endgültige Suizid, den sie nicht verhindern kann. Die ethische Frage, ob es einem anderen zusteht, die Entscheidung über Leben und Tod zu fällen, bleibt auf immer im Raum, mit allen Schuldgefühlen und einer langen Liste an – auch eingebildeten – Versäumnissen.
Für denjenigen, der sein Leben beenden will, ist es die größte Strafe, das größte Unglück, „gerettet“ worden zu sein. Das Jahr nach dem ersten Suizidversuch erweist sich als genau das. Es wird nicht wieder gut, sosehr die Autorin das auch erhofft und versucht in die Tat umzusetzen. Ihr Gedanke, ihre Freundin zu sich in die Wohnung nach Berlin zu holen, ihr ein „Zuhause“ zu bieten, zeugt letztendlich von absoluter Hilflosigkeit. Dieser Freitod der Freundin beschäftigt Christiane Hoffmann ununterbrochen, sie erinnert sich der schönen Erlebnisse, der Anfangszeit der Freundschaft, die so eng und liebevoll war. Wann alles kippte, versucht sie zu ergründen. Dass sie beinahe selbst daran krank wird, ist kein Wunder. Ich kann ihr nicht immer folgen, manche Gedanken nicht nachvollziehen, aber sie erzählt alles sehr eindringlich. Wie ein Erinnerungsbuch, das man einmauern könnte in die Unvergänglichkeit des Grabsteins.
Parallel zu dieser tragischen Erzählung verläuft ihr Nachdenken über Russland, das sie kennt wie kaum jemand. Sie erinnert sich der Zeit, die sie als Studentin in der Sowjetunion verbrachte, wie sie den Umbruch, den Zerfall des Sowjetreiches erlebte, wie sie sich befreundet mit russischen Menschen und tief in die Konflikte eintauchen kann, die Außenstehende nicht einmal erahnen. „Russlandversteher“ ist vielleicht ein Schimpfwort, aber Russlandkenner, das ist etwas, was die letzten 35 Jahre Mangelware war in Europa, in der NATO und natürlich auch in Deutschland.
Vor wenigen Tagen las ich die Moskauer Erinnerungen von Irena Scherbakowa, der Buchtitel „Der Schlüssel würde noch passen“ ein melancholischer Verweis auf das verlorene Heimatland. Scherbakowa war Mitbegründerin von Memorial in Russland, In Hoffmanns Buch gibt es einen Hinweis auf die Gründung dieser einmaligen Menschenrechtsorganisation. Die unterdessen verboten und geächtet ist in Russland. Hoffmanns Teenager-Tochter Marina wird Memorial später als „marginalisiert“ empfinden, nachdem sie dort zu einem Gespräch weilte. Für mich war interessant, die beiden verschiedenen Sichtweisen auf Russland zu vergleichen. Scherbakowa hat nach Beginn des Ukrainekrieges Russland verlassen und emigrierte nach Israel, Hoffmann wird wahrscheinlich nach Kriegsbeginn auch nicht mehr mit ihrer Tochter die obligatorischen Januarurlaube in Moskau verbracht haben. Russland nun aus der Ferne zu betrachten, ist ein schwieriger Drahtseilakt. Versteht man es zu gut, ist es problematisch aus der Sicht unterschiedlichster politischer Gruppierungen, wird das Verstehen doch von anderen eher als Akt der Hilfe gewürdigt. Versteht man Russland aber nicht oder falsch, ist der Abgrund nahe.
Die zickzackartigen Beschreibungen der Freundin vor ihrem Tod, die Rückblicke auf persönliche Versäumnisse aller Art kreuzen sich mit den Einschätzungen der Politik Russlands, mit dem Nachdenken über die Auswirkungen falschen Handelns und kleingeistigen Entscheidens. Besonders die leidige Frage der NATO-Osterweiterung ist unlösbar wie ein gordischer Knoten. Die Ukrainer baden das seit Jahren aus, werden trotz der Unbeugsamkeit (oder gerade wegen ihr) abgewiesen, verhöhnt und belächelt. Dass Putin die Ukraine wieder in sein Traumreich einreihen will, egal wie viele Tote es kostet, wird in den öffentlichen Diskussionen leider nicht so knallhart gesagt, wie die Autorin es in diesem Buch mehrfach betont.
Aber nicht immer bin ich mit Christiane Hoffmann einer Meinung, besonders ein Absatz gab mir zu denken. „In den meisten Transformationsländern wurden die liberalen Reformer der ersten Nachwendezeit irgendwann abgewählt, und es kamen linke politische Kräfte an die Macht, ein gesunder demokratischer Ausgleich.“ Wenn ich das richtig lese, dann ist ein liberaler Reformer per se krank, nur linke politische Kräfte bieten die wahre Demokratie. Dem kann ich nicht zustimmen mit Blick auf die linken politischen Kräfte, die sich auch in Deutschland, und insbesondere nach dem Massaker der Hamas in Israel am 7. Oktober 2023, nahezu ungebremst entfalten.
Ich zitiere noch einen Abschnitt, Christiane Hoffman schreibt: „Wir glauben an das «Nie wieder!» Wir glauben, dass alle aus der Geschichte gelernt haben, dass die Schrecken und die Sinnlosigkeit des Krieges allgemein verstanden sind.“ – Meine Antwort darauf wäre „Putin hat uns das «Nie wieder!» gründlich ausgetrieben.“
Die an den Kapitelanfängen oder im Text verwendeten Gedichte (bzw. Teile daraus) der berühmten Anna Achmatowa haben mich sehr berührt, ich kannte einige davon und ich lese ab und an in „Spiegelland“. Hoffmanns „Meine Freundin“ hat zu Achmatowa ihre Magisterarbeit geschrieben sowie ihre Dissertation „Spiegelungen und Spekulationen“, man findet letztere auch im Buchhandel. Diese literarischen Verknüpfungen haben mir in diesem schmerzlichen Buch doch auch Freude bereitet.
Mein Fazit: Christiane Hoffmanns Buch lässt innehalten, noch einmal in Gedanken die Entwicklung nachvollziehen, was seit 1989 in der Sowjetunion und später in Russland und in der politischen und diplomatischen Zusammenarbeit wie auch beim Gegenspiel geschehen ist, dass wir in einer so aussichtslosen Sackgasse gelandet sind und in der Öffentlichkeit bei weitem nicht alle Wahrheiten auf den Tisch gelegt werden. Die einen machen uns Angst vor Putin, die anderen wiegeln ab, das wird schon nicht so schlimm. Bisher hat sich das Abwiegeln – das lange vor dem Krieg im Donbas und der Einnahme der Krim begann – als der falsche Weg erwiesen, wenn man sich Tschetschenien und die zerbombte Ukraine anschaut.
So, wie man auf große politische Szenarien schaut, ist es im Kleinen auch, Zitat: „Reue, heißt es, sei das nachhaltige Bedauern einer eigenen Schuld wegen einer Tat oder einer Unterlassung. In diesem Fall: wegen einer Unterlassung. Wegen einer langen Liste von Versäumnissen.“ Christiane Hoffmann schaut ebenso traurig auf die so tragisch geendete persönliche Freundschaft, wie auf Russland, lange nicht nur ihr Sehnsuchtsland, das keine ihrer Hoffnungen wahr werden ließ.
Es ist kein leichtes Buch, aber es lohnt sich.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Die Autorin beginnt das Buch mit der Beerdigung ihrer Freundin, „meine Freundin“, das wird man auf den folgenden fast dreihundert Seiten sehr oft lesen. Mich hat es etwas irritiert, jede Figur im Buch, ob Putin oder ihr Ehemann Tim oder ihre Kinder Clara und Marina, sie alle werden beim Namen genannt, aber die beste, engste, liebste Freundin bleibt „meine Freundin“. Sucht die Autorin anstelle der Nähe eher die Distanz zu ihr, um die inneren Verletzungen nicht überhand nehmen zu lassen? Eine Freundin zu haben, die an einer schweren psychischen Erkrankung leidet, in diesem Fall wurde eine bipolare Störung diagnostiziert, das ist ebenso bedrückend, wie gleiches in der Familie zu erleben. Immer steht die Frage im Raum, wie weit kann ich gehen mit guten Ratschlägen und Hilfsangeboten, wo ist diese rote Linie, die man nicht überschreiten will? Bleibt man dahinten, kommt es zu der dramatischen Situation, die die Autorin zweimal erlebt, der Suizidversuch und der endgültige Suizid, den sie nicht verhindern kann. Die ethische Frage, ob es einem anderen zusteht, die Entscheidung über Leben und Tod zu fällen, bleibt auf immer im Raum, mit allen Schuldgefühlen und einer langen Liste an – auch eingebildeten – Versäumnissen.
Für denjenigen, der sein Leben beenden will, ist es die größte Strafe, das größte Unglück, „gerettet“ worden zu sein. Das Jahr nach dem ersten Suizidversuch erweist sich als genau das. Es wird nicht wieder gut, sosehr die Autorin das auch erhofft und versucht in die Tat umzusetzen. Ihr Gedanke, ihre Freundin zu sich in die Wohnung nach Berlin zu holen, ihr ein „Zuhause“ zu bieten, zeugt letztendlich von absoluter Hilflosigkeit. Dieser Freitod der Freundin beschäftigt Christiane Hoffmann ununterbrochen, sie erinnert sich der schönen Erlebnisse, der Anfangszeit der Freundschaft, die so eng und liebevoll war. Wann alles kippte, versucht sie zu ergründen. Dass sie beinahe selbst daran krank wird, ist kein Wunder. Ich kann ihr nicht immer folgen, manche Gedanken nicht nachvollziehen, aber sie erzählt alles sehr eindringlich. Wie ein Erinnerungsbuch, das man einmauern könnte in die Unvergänglichkeit des Grabsteins.
Parallel zu dieser tragischen Erzählung verläuft ihr Nachdenken über Russland, das sie kennt wie kaum jemand. Sie erinnert sich der Zeit, die sie als Studentin in der Sowjetunion verbrachte, wie sie den Umbruch, den Zerfall des Sowjetreiches erlebte, wie sie sich befreundet mit russischen Menschen und tief in die Konflikte eintauchen kann, die Außenstehende nicht einmal erahnen. „Russlandversteher“ ist vielleicht ein Schimpfwort, aber Russlandkenner, das ist etwas, was die letzten 35 Jahre Mangelware war in Europa, in der NATO und natürlich auch in Deutschland.
Vor wenigen Tagen las ich die Moskauer Erinnerungen von Irena Scherbakowa, der Buchtitel „Der Schlüssel würde noch passen“ ein melancholischer Verweis auf das verlorene Heimatland. Scherbakowa war Mitbegründerin von Memorial in Russland, In Hoffmanns Buch gibt es einen Hinweis auf die Gründung dieser einmaligen Menschenrechtsorganisation. Die unterdessen verboten und geächtet ist in Russland. Hoffmanns Teenager-Tochter Marina wird Memorial später als „marginalisiert“ empfinden, nachdem sie dort zu einem Gespräch weilte. Für mich war interessant, die beiden verschiedenen Sichtweisen auf Russland zu vergleichen. Scherbakowa hat nach Beginn des Ukrainekrieges Russland verlassen und emigrierte nach Israel, Hoffmann wird wahrscheinlich nach Kriegsbeginn auch nicht mehr mit ihrer Tochter die obligatorischen Januarurlaube in Moskau verbracht haben. Russland nun aus der Ferne zu betrachten, ist ein schwieriger Drahtseilakt. Versteht man es zu gut, ist es problematisch aus der Sicht unterschiedlichster politischer Gruppierungen, wird das Verstehen doch von anderen eher als Akt der Hilfe gewürdigt. Versteht man Russland aber nicht oder falsch, ist der Abgrund nahe.
Die zickzackartigen Beschreibungen der Freundin vor ihrem Tod, die Rückblicke auf persönliche Versäumnisse aller Art kreuzen sich mit den Einschätzungen der Politik Russlands, mit dem Nachdenken über die Auswirkungen falschen Handelns und kleingeistigen Entscheidens. Besonders die leidige Frage der NATO-Osterweiterung ist unlösbar wie ein gordischer Knoten. Die Ukrainer baden das seit Jahren aus, werden trotz der Unbeugsamkeit (oder gerade wegen ihr) abgewiesen, verhöhnt und belächelt. Dass Putin die Ukraine wieder in sein Traumreich einreihen will, egal wie viele Tote es kostet, wird in den öffentlichen Diskussionen leider nicht so knallhart gesagt, wie die Autorin es in diesem Buch mehrfach betont.
Aber nicht immer bin ich mit Christiane Hoffmann einer Meinung, besonders ein Absatz gab mir zu denken. „In den meisten Transformationsländern wurden die liberalen Reformer der ersten Nachwendezeit irgendwann abgewählt, und es kamen linke politische Kräfte an die Macht, ein gesunder demokratischer Ausgleich.“ Wenn ich das richtig lese, dann ist ein liberaler Reformer per se krank, nur linke politische Kräfte bieten die wahre Demokratie. Dem kann ich nicht zustimmen mit Blick auf die linken politischen Kräfte, die sich auch in Deutschland, und insbesondere nach dem Massaker der Hamas in Israel am 7. Oktober 2023, nahezu ungebremst entfalten.
Ich zitiere noch einen Abschnitt, Christiane Hoffman schreibt: „Wir glauben an das «Nie wieder!» Wir glauben, dass alle aus der Geschichte gelernt haben, dass die Schrecken und die Sinnlosigkeit des Krieges allgemein verstanden sind.“ – Meine Antwort darauf wäre „Putin hat uns das «Nie wieder!» gründlich ausgetrieben.“
Die an den Kapitelanfängen oder im Text verwendeten Gedichte (bzw. Teile daraus) der berühmten Anna Achmatowa haben mich sehr berührt, ich kannte einige davon und ich lese ab und an in „Spiegelland“. Hoffmanns „Meine Freundin“ hat zu Achmatowa ihre Magisterarbeit geschrieben sowie ihre Dissertation „Spiegelungen und Spekulationen“, man findet letztere auch im Buchhandel. Diese literarischen Verknüpfungen haben mir in diesem schmerzlichen Buch doch auch Freude bereitet.
Mein Fazit: Christiane Hoffmanns Buch lässt innehalten, noch einmal in Gedanken die Entwicklung nachvollziehen, was seit 1989 in der Sowjetunion und später in Russland und in der politischen und diplomatischen Zusammenarbeit wie auch beim Gegenspiel geschehen ist, dass wir in einer so aussichtslosen Sackgasse gelandet sind und in der Öffentlichkeit bei weitem nicht alle Wahrheiten auf den Tisch gelegt werden. Die einen machen uns Angst vor Putin, die anderen wiegeln ab, das wird schon nicht so schlimm. Bisher hat sich das Abwiegeln – das lange vor dem Krieg im Donbas und der Einnahme der Krim begann – als der falsche Weg erwiesen, wenn man sich Tschetschenien und die zerbombte Ukraine anschaut.
So, wie man auf große politische Szenarien schaut, ist es im Kleinen auch, Zitat: „Reue, heißt es, sei das nachhaltige Bedauern einer eigenen Schuld wegen einer Tat oder einer Unterlassung. In diesem Fall: wegen einer Unterlassung. Wegen einer langen Liste von Versäumnissen.“ Christiane Hoffmann schaut ebenso traurig auf die so tragisch geendete persönliche Freundschaft, wie auf Russland, lange nicht nur ihr Sehnsuchtsland, das keine ihrer Hoffnungen wahr werden ließ.
Es ist kein leichtes Buch, aber es lohnt sich.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.