Ein gutes Buch, das zu viel sein will
Die deutsche Journalistin und Autorin Christiane Hoffmann hat vor ihrem neuesten Werk schon andere Bücher zur Verbindung vom Persönlichem und Historischem geschrieben, etwa eines zum Iran und eines zur Fluchtgeschichte ihres Vaters. Nun hat sie sich die große Aufgabe gestellt, die Entwicklungen in den postsowjetischen Staaten seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit nicht nur einem, sondern gleich mehreren persönlichen Themen zu verbinden.
Eines dieser Themen ist ihr eigenes Verhältnis zu diesen Staaten, denen sie seit Jahrzehnten tief verbunden ist: sie hat unter anderem Slawistik studiert, spricht sehr gut Russisch und ist schon in den 1980er Jahren als junge Austauschstudentin in die Sowjetunion und danach viele Male privat und beruflich in deren Nachfolgestaaten gereist, hat viele Freunde und Bekannte in diesen Regionen. Die Sehnsucht und Hoffnung auf einen friedlichen Neubeginn und eine positive Weiterentwicklung dieser Regionen hat die Autorin und viele andere Menschen durch die 1990er Jahre und darüber hinaus getragen. Spürbar wird ihre Liebe zu diesen Ländern, genauso wie ihre detaillierten Kenntnisse über all die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen dieser Zeit danach, über Träume und Hoffnungen, die sich letztendlich nicht alle erfüllt hatten.
Das wäre also schon mehr als genug für ein äußerst fundiertes Buch gewesen: einerseits sachbuchartig die Entwicklungen in Osteuropa von den 1980ern bis heute darzustellen und damit auch die Hintergründe des Ukrainekrieges, der für viele nicht so mit diesen Themen vertraute Menschen äußerst überraschend gekommen ist, zu erzählen, wie es die Autorin auch tut. Und andererseits diese sachbuchartigen Erläuterungen mit persönlichen Einblicken, Erzählungen und Bezügen aufzulockern.
Doch noch ein weiteres, ebenfalls emotional äußerst heftiges und tiefgreifendes Thema, hat sich die Autorin für dieses Buch vorgenommen: den Suizid einer Freundin, der zeitlich mit dem Beginn des Ukrainekrieges zusammenfiel und mit der sie das Interesse für die Länder Osteuropas und insbesondere für die Lyrik Anna Achmatowas verbunden hat.
Das Buch ist stilistisch also eine mutige Mischung aus sehr nüchtern-sachbuchartig geschriebenen Passagen etwa über politische Verhandlungen zwischen den USA und Russland über Abrüstung im atomaren Bereich und die Entwicklung einer gemeinsamen Weltmachtposition (so von Russland erhofft, von den USA aber nie ernst gemeint), sehr persönlichen Ausschnitten voll Trauer samt Briefen an die verstorbene Freundin und der Frage nach dem Warum, und Einblicken in die Begegnungen und Erlebnisse der Autorin in Osteuropa.
Ob man diese Verknüpfungen und die damit verbundenen zahlreichen stilistischen Brüche innerhalb des Buches zu viel des Guten oder gerade durch diese ganz unterschiedlichen Stile genial findet, hängt sicher auch viel davon ab, in welcher Verfassung sich die am Buch interessierten Menschen gerade befinden und wie sehr man sich darauf einlassen kann.
Für mich persönlich war gerade der Wechsel aus sehr nüchterner-sachbuchartiger Erzählweise und dann wieder den so persönlich-emotionalen Abschnitten schwierig zu bewältigen, ich hatte oft das Gefühl, mich auf dieses Buch dadurch nicht voll und ganz einlassen zu können und habe mich an manchen Stellen von der Fülle der Informationen erschlagen und an anderen wiederum emotional überwältigt gefühlt. Jedenfalls war es nicht möglich, das Buch in einem durchgängigen, einigermaßen konsistenten, emotional-verbundenen oder sachlich-distanzierten Zustand zu lesen.
Was ich jedenfalls sagen kann: das ist ein Buch, das sehr viel Raum braucht und ihn sich auch nimmt. Man hat nur die Wahl, dem Buch diesen Raum zu geben, zeitlich, sachlich wie emotional, oder die Lektüre über einen längeren Zeitraum zu strecken - was aber wiederum das Dranbleiben an den vielen Themen schwierig macht - oder ganz bleiben zu lassen.
Dabei ist es durchaus eine lohnende Lektüre, insbesondere auf der Sachbuchebene: wer sich bisher noch nicht viel mit diesen Themen beschäftigt hat, kann sehr interessante neue Einblicke in die differenzierten Hintergründe des jetzigen Russland-Ukraine-Konfliktes, aber auch vieler anderer Staaten, die ehemals zur Sowjetunion gehörten, gewinnen. Auf dieser Ebene lohnt sich die Lektüre also sehr, wird allerdings damit erkauft, sich zwischendrin auf das hochemotionale Thema der Schuld rund um den Suizid der Freundin der Autorin einlassen zu müssen.
Wer sich hingegen vorrangig für das Thema Hinterbliebene nach Suizid und Umgang mit Schuld interessiert, dem empfehle ich eher andere Werke dazu (etwa "Von dem, der bleibt" von Matteo B. Bianchi. Es ist dieses ein so großes und schweres Thema, dass es ein Buch verdient hätte, das sich voll und ganz diesem widmet und nicht gleichzeitig mindestens ein halbes Sachbuch zur Aufarbeitung sehr interessanter, aber inhaltlich ganz anderer politischer Themen verschiedener Länder sein will.
Eines dieser Themen ist ihr eigenes Verhältnis zu diesen Staaten, denen sie seit Jahrzehnten tief verbunden ist: sie hat unter anderem Slawistik studiert, spricht sehr gut Russisch und ist schon in den 1980er Jahren als junge Austauschstudentin in die Sowjetunion und danach viele Male privat und beruflich in deren Nachfolgestaaten gereist, hat viele Freunde und Bekannte in diesen Regionen. Die Sehnsucht und Hoffnung auf einen friedlichen Neubeginn und eine positive Weiterentwicklung dieser Regionen hat die Autorin und viele andere Menschen durch die 1990er Jahre und darüber hinaus getragen. Spürbar wird ihre Liebe zu diesen Ländern, genauso wie ihre detaillierten Kenntnisse über all die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen dieser Zeit danach, über Träume und Hoffnungen, die sich letztendlich nicht alle erfüllt hatten.
Das wäre also schon mehr als genug für ein äußerst fundiertes Buch gewesen: einerseits sachbuchartig die Entwicklungen in Osteuropa von den 1980ern bis heute darzustellen und damit auch die Hintergründe des Ukrainekrieges, der für viele nicht so mit diesen Themen vertraute Menschen äußerst überraschend gekommen ist, zu erzählen, wie es die Autorin auch tut. Und andererseits diese sachbuchartigen Erläuterungen mit persönlichen Einblicken, Erzählungen und Bezügen aufzulockern.
Doch noch ein weiteres, ebenfalls emotional äußerst heftiges und tiefgreifendes Thema, hat sich die Autorin für dieses Buch vorgenommen: den Suizid einer Freundin, der zeitlich mit dem Beginn des Ukrainekrieges zusammenfiel und mit der sie das Interesse für die Länder Osteuropas und insbesondere für die Lyrik Anna Achmatowas verbunden hat.
Das Buch ist stilistisch also eine mutige Mischung aus sehr nüchtern-sachbuchartig geschriebenen Passagen etwa über politische Verhandlungen zwischen den USA und Russland über Abrüstung im atomaren Bereich und die Entwicklung einer gemeinsamen Weltmachtposition (so von Russland erhofft, von den USA aber nie ernst gemeint), sehr persönlichen Ausschnitten voll Trauer samt Briefen an die verstorbene Freundin und der Frage nach dem Warum, und Einblicken in die Begegnungen und Erlebnisse der Autorin in Osteuropa.
Ob man diese Verknüpfungen und die damit verbundenen zahlreichen stilistischen Brüche innerhalb des Buches zu viel des Guten oder gerade durch diese ganz unterschiedlichen Stile genial findet, hängt sicher auch viel davon ab, in welcher Verfassung sich die am Buch interessierten Menschen gerade befinden und wie sehr man sich darauf einlassen kann.
Für mich persönlich war gerade der Wechsel aus sehr nüchterner-sachbuchartiger Erzählweise und dann wieder den so persönlich-emotionalen Abschnitten schwierig zu bewältigen, ich hatte oft das Gefühl, mich auf dieses Buch dadurch nicht voll und ganz einlassen zu können und habe mich an manchen Stellen von der Fülle der Informationen erschlagen und an anderen wiederum emotional überwältigt gefühlt. Jedenfalls war es nicht möglich, das Buch in einem durchgängigen, einigermaßen konsistenten, emotional-verbundenen oder sachlich-distanzierten Zustand zu lesen.
Was ich jedenfalls sagen kann: das ist ein Buch, das sehr viel Raum braucht und ihn sich auch nimmt. Man hat nur die Wahl, dem Buch diesen Raum zu geben, zeitlich, sachlich wie emotional, oder die Lektüre über einen längeren Zeitraum zu strecken - was aber wiederum das Dranbleiben an den vielen Themen schwierig macht - oder ganz bleiben zu lassen.
Dabei ist es durchaus eine lohnende Lektüre, insbesondere auf der Sachbuchebene: wer sich bisher noch nicht viel mit diesen Themen beschäftigt hat, kann sehr interessante neue Einblicke in die differenzierten Hintergründe des jetzigen Russland-Ukraine-Konfliktes, aber auch vieler anderer Staaten, die ehemals zur Sowjetunion gehörten, gewinnen. Auf dieser Ebene lohnt sich die Lektüre also sehr, wird allerdings damit erkauft, sich zwischendrin auf das hochemotionale Thema der Schuld rund um den Suizid der Freundin der Autorin einlassen zu müssen.
Wer sich hingegen vorrangig für das Thema Hinterbliebene nach Suizid und Umgang mit Schuld interessiert, dem empfehle ich eher andere Werke dazu (etwa "Von dem, der bleibt" von Matteo B. Bianchi. Es ist dieses ein so großes und schweres Thema, dass es ein Buch verdient hätte, das sich voll und ganz diesem widmet und nicht gleichzeitig mindestens ein halbes Sachbuch zur Aufarbeitung sehr interessanter, aber inhaltlich ganz anderer politischer Themen verschiedener Länder sein will.