Geplatzte Friedensträume - politische Desillusionierung
Eigenartige Mischung aus Politisch-Geschichtlichem (Ukraine, Russland) und persönlicher Trauer um eine enge Freundin
Eine Mischung aus politisch-geschichtlichem Sachbuch und Memoir - persönliche, emotionale Trauer um eine langjährige Freundin einerseits, Zustandsschilderungen und Erlebnisse aus den vielen Reisen in ihrer Funktion als Journalistin andererseits. Hauptsächlich geht es um die Entwicklung Russlands und der Ukraine und den Beziehungen zu Europa.
‘Die Träume, die wir hatten’, ein Titel, der nicht nur für die beiden Hauptaspekte des Buches von Bedeutung ist und gut passt, sondern auch einer, der den Leser gleich in die Geschichte hineinzieht, denn: Haben wir nicht alle Träume im Sinne von Hoffnungen und Wünschen? Und gilt dies nicht nur für Persönliches, sondern auch für die Politik und das Weltgeschehen?
Es war auch mein Traum, von dem die Autorin Christiane Hoffmann berichtet: Frieden in einem geeinten Europa, Frieden mit Russland durch Handelsbeziehungen, Hoffnung auf Demokratie dort nach dem Ende des Kalten Krieges. Aber leider sind diese Träume alle zunichte gemacht worden.
‘Dies ist ein Buch der Trauer über das, was nicht möglich war. Der Trauer um die Ukraine, um Russland, um meine Freundin, um uns alle. Über das, was wir versäumten, was wir nicht vermochten, wofür die Kraft nicht reichte, wofür der Mut fehlte.’ 10
War es Jelzins Schuld? Ist es Putins Schuld? Angesichts all’ der geplatzten Hoffnungen und Träume - hat der Westen etwas falsch gemacht? Gibt es Versäumnisse? Sicher, auch Europa hat Fehler gemacht, Russland falsch eingeschätzt, Deutschland hat sich abhängig von russischem Gas gemacht. War es ein Fehler, Jelzin zu unterstützen? War die NATO-Erweiterung ein Fehler? Wurden Fehler in der Berichterstattung gemacht? All dies wird in diesem Buch überlegt; es sind keine Gewissheiten, sondern nachdenkenswerte Vermutungen, die die Meinung der Autorin wiedergeben und denen man aber nicht unbedingt zustimmen muss.
Doch - und hier ist die Parallele zum Suizid der Freundin - hätte man es wirklich verhindern können? Dieser Frage - die natürlich nicht zu beantworten ist - geht die Osteuropa-Expertin Christiane Hoffmann - uns allen bekannt als Stellvertretende Regierungssprecherin in der Ampelkoalition - nach.
Die politischen Überlegungen und analyseartigen Gedanken werden durchmischt mit der langen und tiefen Trauer um eine allerbeste langjährige Freundin, mit der sie 30 Jahre lang in Freundschaft verbunden war. Sie fragt sich quälend immer wieder, ob sie mehr hätte tun können und macht sich Vorwürfe, ob sie von der Depression etwas hätte merken können oder müssen. Ihre Gemeinsamkeiten lagen im Studium der Slawistik und der osteuropäischen Geschichte, der Vorliebe für Russland und seiner Literatur, vor allem die Gedichte der Anna Achmatowa, die sich auch als Zitate durch das Buch ziehen.
Für uns Leser wichtig und erhellend sind die Einblicke, die wir durch ihre Studienzeit in Leningrad und ihre journalistische Arbeit gewinnen, Einblicke in das teilweise ärmliche und schwierige Alltagsleben der Russen während der Jelzin-Zeit, in die Phase des Zerfalls der Sowjetunion, der Perestroika und des Glasnost, den grausamen Tschetschenien-Krieg, dessen Fehler genau jetzt erneut begangen werden. Sie erlebt das Schlingern dieses Großreiches mit Atomwaffenbesitz aus nächster Nähe, das ökonomisch am Boden liegende Russland, politisch instabil und ohne demokratische Erfahrung, das völlig in die Hände von Privatisierungsgewinnlern und Oligarchen gerät. ‘Die russische Demokratie stirbt still an einer Überdosis Kapitalismus’.
Haben wir die Anzeichen übersehen, die Warnungen der Ostmitteleuropäer nicht ernst genommen? Ist durch die NATO-Ost-Erweiterung das Risiko gestiegen anstatt mehr Sicherheit zu bringen? Hat es in Russland die Imperialisten und Nationalisten gestärkt, ‘die nur darauf warten, dass der Westen wieder zum Feind wird?’ (189)
Besonders schockierend fand ich die Angst der Politik, den Wahrheiten ins Auge zu sehen, die Angst um Wählerstimmen und die Angst, eindeutig Stellung zu beziehen. Aber vielleicht hätte man auch gar nichts machen können ebenso wenig wie es nicht gelingen konnte, die Freundin vom Suizid abzuhalten. Tatsache ist jedenfalls: die Transformation ist gescheitert, Russland hat sich in eine korrupte Oligarchie verwandelt und in Europa tobt ein brutaler Krieg.
‘Ich weiß nicht, welche meiner Traurigkeiten größer ist: über das Leid, das den Ukrainerinnen und Ukrainern angetan wird, oder über die Entwicklung, die Russland genommen hat.’ (46)
Fazit
Es ist ein reichhaltiges, Gedanken anregendes Buch, aus dem man viel lernen kann. Allerdings hätte ich die in meinen Augen allzu vielen Passagen der persönlichen Trauer nicht lesen müssen und ich hätte mir das Geschichtlich-Politische ein wenig strukturierter gewünscht. Ich achte allerdings die empathische, menschlich mitfühlende Haltung der Autorin. Diese Stellen stehen in starkem Kontrast zu den Sachbuch-Abschnitten und man muss beides akzeptieren, wenn man Gewinn aus diesem Buch ziehen will.
Berührt hat mich die Trauer um ein einstmals geliebtes Land, das einen fatalen Weg eingeschlagen hat, einen Weg der Kriegstreiberei und Selbstzerstörung, von dem man noch nicht weiß, wie es enden wird.
Dieses Buch ist auf jeden Fall wichtig und lesenswert, erfordert allerdings geschichtliches und politisches Interesse.
Eine Mischung aus politisch-geschichtlichem Sachbuch und Memoir - persönliche, emotionale Trauer um eine langjährige Freundin einerseits, Zustandsschilderungen und Erlebnisse aus den vielen Reisen in ihrer Funktion als Journalistin andererseits. Hauptsächlich geht es um die Entwicklung Russlands und der Ukraine und den Beziehungen zu Europa.
‘Die Träume, die wir hatten’, ein Titel, der nicht nur für die beiden Hauptaspekte des Buches von Bedeutung ist und gut passt, sondern auch einer, der den Leser gleich in die Geschichte hineinzieht, denn: Haben wir nicht alle Träume im Sinne von Hoffnungen und Wünschen? Und gilt dies nicht nur für Persönliches, sondern auch für die Politik und das Weltgeschehen?
Es war auch mein Traum, von dem die Autorin Christiane Hoffmann berichtet: Frieden in einem geeinten Europa, Frieden mit Russland durch Handelsbeziehungen, Hoffnung auf Demokratie dort nach dem Ende des Kalten Krieges. Aber leider sind diese Träume alle zunichte gemacht worden.
‘Dies ist ein Buch der Trauer über das, was nicht möglich war. Der Trauer um die Ukraine, um Russland, um meine Freundin, um uns alle. Über das, was wir versäumten, was wir nicht vermochten, wofür die Kraft nicht reichte, wofür der Mut fehlte.’ 10
War es Jelzins Schuld? Ist es Putins Schuld? Angesichts all’ der geplatzten Hoffnungen und Träume - hat der Westen etwas falsch gemacht? Gibt es Versäumnisse? Sicher, auch Europa hat Fehler gemacht, Russland falsch eingeschätzt, Deutschland hat sich abhängig von russischem Gas gemacht. War es ein Fehler, Jelzin zu unterstützen? War die NATO-Erweiterung ein Fehler? Wurden Fehler in der Berichterstattung gemacht? All dies wird in diesem Buch überlegt; es sind keine Gewissheiten, sondern nachdenkenswerte Vermutungen, die die Meinung der Autorin wiedergeben und denen man aber nicht unbedingt zustimmen muss.
Doch - und hier ist die Parallele zum Suizid der Freundin - hätte man es wirklich verhindern können? Dieser Frage - die natürlich nicht zu beantworten ist - geht die Osteuropa-Expertin Christiane Hoffmann - uns allen bekannt als Stellvertretende Regierungssprecherin in der Ampelkoalition - nach.
Die politischen Überlegungen und analyseartigen Gedanken werden durchmischt mit der langen und tiefen Trauer um eine allerbeste langjährige Freundin, mit der sie 30 Jahre lang in Freundschaft verbunden war. Sie fragt sich quälend immer wieder, ob sie mehr hätte tun können und macht sich Vorwürfe, ob sie von der Depression etwas hätte merken können oder müssen. Ihre Gemeinsamkeiten lagen im Studium der Slawistik und der osteuropäischen Geschichte, der Vorliebe für Russland und seiner Literatur, vor allem die Gedichte der Anna Achmatowa, die sich auch als Zitate durch das Buch ziehen.
Für uns Leser wichtig und erhellend sind die Einblicke, die wir durch ihre Studienzeit in Leningrad und ihre journalistische Arbeit gewinnen, Einblicke in das teilweise ärmliche und schwierige Alltagsleben der Russen während der Jelzin-Zeit, in die Phase des Zerfalls der Sowjetunion, der Perestroika und des Glasnost, den grausamen Tschetschenien-Krieg, dessen Fehler genau jetzt erneut begangen werden. Sie erlebt das Schlingern dieses Großreiches mit Atomwaffenbesitz aus nächster Nähe, das ökonomisch am Boden liegende Russland, politisch instabil und ohne demokratische Erfahrung, das völlig in die Hände von Privatisierungsgewinnlern und Oligarchen gerät. ‘Die russische Demokratie stirbt still an einer Überdosis Kapitalismus’.
Haben wir die Anzeichen übersehen, die Warnungen der Ostmitteleuropäer nicht ernst genommen? Ist durch die NATO-Ost-Erweiterung das Risiko gestiegen anstatt mehr Sicherheit zu bringen? Hat es in Russland die Imperialisten und Nationalisten gestärkt, ‘die nur darauf warten, dass der Westen wieder zum Feind wird?’ (189)
Besonders schockierend fand ich die Angst der Politik, den Wahrheiten ins Auge zu sehen, die Angst um Wählerstimmen und die Angst, eindeutig Stellung zu beziehen. Aber vielleicht hätte man auch gar nichts machen können ebenso wenig wie es nicht gelingen konnte, die Freundin vom Suizid abzuhalten. Tatsache ist jedenfalls: die Transformation ist gescheitert, Russland hat sich in eine korrupte Oligarchie verwandelt und in Europa tobt ein brutaler Krieg.
‘Ich weiß nicht, welche meiner Traurigkeiten größer ist: über das Leid, das den Ukrainerinnen und Ukrainern angetan wird, oder über die Entwicklung, die Russland genommen hat.’ (46)
Fazit
Es ist ein reichhaltiges, Gedanken anregendes Buch, aus dem man viel lernen kann. Allerdings hätte ich die in meinen Augen allzu vielen Passagen der persönlichen Trauer nicht lesen müssen und ich hätte mir das Geschichtlich-Politische ein wenig strukturierter gewünscht. Ich achte allerdings die empathische, menschlich mitfühlende Haltung der Autorin. Diese Stellen stehen in starkem Kontrast zu den Sachbuch-Abschnitten und man muss beides akzeptieren, wenn man Gewinn aus diesem Buch ziehen will.
Berührt hat mich die Trauer um ein einstmals geliebtes Land, das einen fatalen Weg eingeschlagen hat, einen Weg der Kriegstreiberei und Selbstzerstörung, von dem man noch nicht weiß, wie es enden wird.
Dieses Buch ist auf jeden Fall wichtig und lesenswert, erfordert allerdings geschichtliches und politisches Interesse.