Roman und beeindruckendes Zeitzeugnis

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tintenteufel Avatar

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Christine Hoffmann hat in ihrem Roman die interessante Idee, drei Themen miteinander zu verweben: zum einen das Schicksal einer Frauenfreundschaft, die durch den Suizid einer Beteiligten ein Ende findet, zum anderen die politischen Ereignisse in der Sowjetunion und der Ukraine vom Ende der Achtziger Jahre bis heute.

Ihr gelingt eine tolle, atmosphärisch dichte Erzählung von der politischen und gesellschaftlichen Stimmung im Deutschland des Mauerfalls, der unabhängig werdenden Ukraine, des sich im Zusammenhang von Glasnost und Perestroika nach Westen öffnenden Russlands bis hin zum Wiedererstarken der autoritären Strukturen in Russland, dem Verlust der gewonnenen Freiheiten und dem gewalttätigen Angriff auf die Ukraine im Glauben, sie wieder in ein groß-russisches Reich integrieren zu können.

Christin Hoffmanns Studium der Slawistik und osteuropäischer Geschichte spiegelt sich in den kenntnisreichen und authentischen Schilderungen der gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen vom ungläubigen, aber hoffnungsvollen Austesten der neuen Freiheiten in der erwachenden Demokratie in der Ukraine bis zum Scheitern aller politischen Bemühungen, den Einmarsch Russlands in die Ukraine zu verhindern.
Die passend ausgewählten und eingeflochtenen Gedichte von Anna Achmatowa und anderen Autoren Osteuropas unterstreichen die Atmosphäre und bringen eine zusätzliche kulturelle Tiefe in den Roman

So weit bin ich wirklich begeistert von dem umfassenden und berührenden Einblick in diese Zeiten des permanenten Umbruchs, des Wechsels von Hoffnung und Enttäuschung!

Allerdings sind mir die Kapitel viel zu lang und wirken oft unstrukturiert, Der Leser gewinnt den Eindruck, die Ich-Erzählerin müsse ihre Gedankenflut noch bewältigen. Dies ist angesichts des Erlebten zwar authentisch und glaubwürdig, liest sich aber doch auf die Dauer anstrengend. Außerdem nehmen die (gesellschafts-)politischen Umstände einen zunehmend großen Raum ein, während die verstorbene Freundin für die Ich-Erzählerin zwar ein wichtiges Thema bleibt, aber seltsam unnahbar bleibt. Offensichtlich ringt die Protagonistin darum, sie posthum zu verstehen, (und schließt sogar eine familiäre Disposition zum Suizid nicht aus), doch dieses Ringen um Verständnis macht es dem Leser nicht leichter. Ich hätte auf diesen Erzählstrang durchaus gerne verzichtet und ein realistisches Zeitzeugnis vom Leben der Freundinnen unter den wechselnden politischen Bedingungen gelesen. Die Idee, eine Parallele im Erwachen und wieder Zugrundegehen der Demokratie in Russland und dem hoffnungsvoll begonnenen und im Suizid endenden Leben zu ziehen, konnte mich in der Umsetzung letztlich nicht ganz überzeugen.