Träume und Trauma

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
die_buechereule Avatar

Von

In Christiane Hoffmanns Buch geht es um Träume, viel um die 90er Jahre, in denen sie und ihre Kommilitoninnen noch das ganze Leben vor sich haben, so viele Möglichkeiten und Wege sich eröffnen. Es ist auch das Jahrzehnt nach dem Ende der Sowjetunion, eine Zeit der Umbrüche, als für die baltischen Staaten oder die Ukraine plötzlich eine Abkapselung von Russland möglich zu werden scheint. Und es sind die Jahre, in denen in der internationalen Politik neue Weltordnungen und Ost-West-Beziehungen gedacht werden können – in denen dann aber Entscheidendes nicht umgesetzt wird, vielleicht nicht umgesetzt werden kann? Schließlich blickt man auf historisch gewachsene Argumentationsmuster sowie von früher belastete Beziehungen zurück und stellt angesichts einer mit dem politischen Umbruch aufkommenden Orientierungslosigkeit widerstreitende Meinungen innerhalb von Staaten, Parteien und Regionen fest.

Die große Frage, die das Buch umtreibt, ist, wie viel am Verlauf der Geschichte seitdem hätte beeinflusst werden können, wie viel jemals in der Macht des Westens, Russlands, Deutschlands und auch – auf der Ebene der persönlichen Freundschaft – Hoffmanns gelegen hat.
Die historische Perspektive schildert Hoffmann viel durch persönliche Erlebnisse und Begegnungen während ihres Slawistikstudiums und zahlreicher Aufenthalte in Leningrad, Moskau und Kyiw – zuerst als Studentin und Praktikantin beim Hörfunk, später als Journalistin. Dabei steht vor allem die Freundschaft zu einer Kommilitonin im Fokus, die das Interesse für Slawistik, Wissenschaft, russische Kunst, Literatur und Kultur teilt. Die Verbindung verändert sich im Laufe der Jahre auf natürliche Weise, bricht aber nie ab.

Durch die Schilderungen, die zugleich politische Entwicklungen und Kontakte mit den Kulturen auf persönlicher Ebene umfassen, habe ich viel gelernt und das Gefühl, einen Eindruck von der Atmosphäre der Ungewissheit und der neueröffneten Möglichkeiten jener Zeit bekommen zu haben. Der sanfte Wechsel zwischen dem weltpolitischen und individuellen Fokus sowie das positive eingestellte, offene Erzählen haben das Lesen dieses Teils zu einem Vergnügen gemacht.

Doch die dunklen Wolken lauern am Horizont: Im Falle Russlands und der Ukraine die nie endgültig gelöste Frage der Zusammengehörigkeit versus Abkapselung und die holprige, durch verschiedene Akteure und gesellschaftliche Gegebenheiten gefährdete Entwicklung der Demokratien in beiden Ländern; im Falle der Freundin eine zunehmende Depression. Im letzten Fünftel überwiegen so vor allem retrospektive Abwägungen, Gefühle der Hilf- und Machtlosigkeit, die Suche nach einem produktiven, leistbaren und letztendlich erfolgreichen Umgang mit Konflikten, die zu groß für einen einzelnen Menschen scheinen. Hier gibt Hoffmann einen sehr persönlichen, aber nicht pathetischen Einblick in den immer einseitiger werdenden Kontakt mit der mittlerweile suizidgefährdeten Freundin, bis beide Konflikte – auf der Weltbühne wie im Privaten – synchron in der gefürchteten Katastrophe enden. Der Versuch, die Rolle aller Beteiligten einzuordnen, ist der stark von Zweifeln, Schuldgefühlen und einer leisen, wehmütigen Hoffnung auf alte Träume geprägt. So bleibt am Ende auch für den Leser ein Gefühl des Verlusts.

Insgesamt: Eine kluge, nuancierte und persönliche Einordnung der Russlandpolitik der vergangenen Jahrzehnte, die Verständnis für die gesellschaftlichen Strömungen in der Ukraine und in Russland schafft und Erklärungsansätze, aber keine klaren Lösungen bieten möchte. Für mich eine Leseempfehlung mit Tiefgang!