Weltpolitik und private Geschichte
Christiane Hoffmann, studierte Slawistin und Osteuropa -Expertin, hat mit „ Die Träume, die wir hatten“ ihr zweites Buch vorgelegt. 2022, damals war sie noch stellvertretende Regierungssprecherin unter Bundeskanzler Scholz, landete sie einen Bestseller mit dem Buch „Alles, was wir nicht erinnern Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters“. Darin verbindet sie ihre eigene Familiengeschichte mit der allgemeinen Historie von Flucht und Vertreibung.
Auch in „Die Träume, die wir hatten“ verknüpft sie Persönliches und die große Weltpolitik.
Am 24. Februar 2022 überfällt Russland die Ukraine. Das ist aber nicht die einzige Schreckensnachricht, die Christiane Hoffmann an diesem Tag ereilt. Sie erfährt gleichzeitig vom Suizid ihrer langjährigen Freundin. Sie kennen sich seit Studientagen, beide haben Slawistik studiert, beide lieben die russische Literatur, gemeinsam haben sie Russland bereist.
Und die zufällige Koinzidenz dieser beiden Ereignisse lösen bei Christiane Hoffmann dieselben Fragen aus:
Hätte sie den Tod ihrer Freundin verhindern können? Hätte sie rechtzeitig die Anzeichen der Depression bei ihrer Freundin sehen und sich vermehrt um sie kümmern müssen?
Hätten wir, der Westen, die Politik, sie als Journalistin viel früher die Warnzeichen erkennen müssen und hätten wir den Krieg verhindern können?
Um Antworten auf ihre Fragen zu bekommen, geht die Autorin zurück in die späten 80er und frühen 90er Jahre.
In jener Zeit war Christiane Hoffmann als Studentin in Leningrad, später arbeitet sie als Praktikantin bei einer staatlichen Rundfunk- und Fernsehanstalt in Kiew. Hautnah erlebt sie den oft schwierigen Alltag der Sowjetbürger, trifft russische und ukrainische Freunde, spricht mit vielen unterschiedlichen Menschen im Land.
Dabei beobachtet Christiane Hoffmann das politische Geschehen und sieht im Rückblick jene Jahre als die entscheidenden. Hier nahm die Entwicklung ihren Lauf, an deren Ende der russisch-ukrainische Krieg steht. „Diese frühen neunziger Jahre entscheiden über das künftige Verhältnis zwischen Russland und dem Westen, und damit langfristig über die Sicherheit Europas. Was in diesen Jahren getan und versäumt wird, wirkt lange nach.“
Der Westen hat zu lange auf Jelzin gesetzt, erhoffte sich von ihm Stabilität und sah deshalb über vieles hinweg. Auch die russischen Oligarchen unterstützen Jelzin und so „stirbt die russische Demokratie still an einer Überdosis Kapitalismus.“ „In dieser Zeit vollzieht sich jene Synthese von politischer und wirtschaftlicher Macht, die Russland von nun an prägen wird.“
Entscheidend aber auch für das zunehmend schlechtere Verhältnis zwischen Russland und dem Westen ist sicherlich der Konflikt über die Nato-Osterweiterung. Eine umstrittene Erweiterung, man sah die Nachteile und die Gefahren, verstand aber auch die Staaten, die um die Aufnahme in die Nato betteln. Christiane Hoffmann kritisiert den Schlingerkurs des Westens. „Man umarmt die Russen mit dem einen Arm, während der andere den Ostmitteleuropäern die Tür zur Nato öffnet.“
Eindeutig beantworten lässt sich die Frage nach der Schuld oder Mitverantwortung des Westens an der jetzigen Situation nicht. Sicher ist: Die Aggression geht von Putin aus, und sein Vorgehen lässt sich durch nichts rechtfertigen. Das steht für die Autorin außer Frage. Sie sieht und zeigt jedoch die Versäumnisse des Westens, die verpassten Chancen, das ungenutzte Zeitfenster, den fehlenden Mut.
Dann aber fragt sie sich wieder, ob es nicht vermessen ist zu glauben, der Westen könne tatsächlich die Entwicklung Russlands beeinflussen.
„So wie es vielleicht größenwahnsinnig ist zu glauben, ich hätte meine Freundin davon abhalten können, sich das Leben zu nehmen.“
Immer wieder kehrt Christiane Hoffmann zu ihrer Freundin zurück, beschreibt deren privaten und beruflichen Werdegang, erzählt von gemeinsamen Erlebnissen und von ihrer Trauer über den Verlust. Das alles auf sehr einfühlsame und berührende Weise, wobei auch hier Selbstzweifel anklingen: „Wieso nehme ich mir das heraus, die Deutungshoheit über Dein Leben? Über Deinen Tod?“
Eine zentrale Position im Buch nimmt die russisch-ukrainische Dichterin Anna Achmatowa ein. Sie ist ein Verbindungsglied zwischen der Autorin und ihrer Freundin. Beide lieben ihre Gedichte; die Freundin hat sich sowohl in ihrer Magister- als auch in ihrer Doktorarbeit mit Achmatowa beschäftigt. Gleichzeitig verkörpert die russische Dichterin durch ihr langes Leben und mit ihrem Schaffen russische Historie und russische Kultur.
„Die Träume, die wir hatten“, das sind die Träume von einem Leben in Frieden und Freiheit in einem ungeteilten Europa, „von gemeinsamer Sicherheit und Demokratie in Russland und überall , von „Nie wieder Krieg“. Das waren und sind auch meine Träume und deshalb verstehe ich den Schmerz und die Trauer der Autorin über eine Wirklichkeit, die so weit entfernt ist von unseren Hoffnungen und Wünschen.
Dieses Buch ist einerseits ein zutiefst berührender Bericht über eine langjährige Freundschaft, über Verlust und Trauer und zugleich eine kluge und fundierte Analyse der russisch-ukrainischen Beziehung und der Stellung des Westens. Auf der Folie eigener Erfahrungen und mit dem scharfen Blick einer kompetenten Journalistin zeigt die Autorin Hintergründe auf und macht komplexe Zusammenhänge deutlich.
Christiane Hofmann ist hier ein ganz wunderbares Buch gelungen, das ich jedem empfehlen kann. Auch damit dieser unsägliche Krieg, der bereits über vier Jahre andauert, und unendlich viel Leid gebracht hat, bei uns nicht in Vergessenheit gerät.