Hier wird "unverschämt" ein Kompliment

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
heute.lese.ich Avatar

Von

Miriam Steins Buch „Die unverschämte Frau“ geht sofort unter die Haut. Schon das Cover macht klar, wo die Reise hingeht: Das Wort „unverschämt“ wird vom negativen Stempel zum Power-Begriff umgedreht. Es schreit einen förmlich an: Schluss mit dem ständigen Anpassen und Kleinmachen!
Vom Schreibstil her liest sich das Buch super flüssig und extrem nahbar. Miriam Stein nimmt kein Blatt vor den Mund und teilt Geschichten, bei denen man sich sofort wiedererkennt, zB die absolute Ur-Scham, als Kind auf der Chorfahrt beim Schnarchen erwischt worden zu sein, oder das peinliche Gefühl, vor der Reinigungskraft noch schnell den Staubsauger anzuschmeißen. Sie mixt diesen ehrlichen, oft richtig witzigen Humor perfekt mit scharfen Analysen. Die Scham wird bei ihr sogar zur fiesen, toxischen Freundin namens „Aidos“ personifiziert, während sie ganz entspannt Zitate von Schamforscherinnen, Antike-Mythen und aktuelle Aufreger-Debatten aus der Politik einwebt.
Inhaltlich macht die Leseprobe eine knallharte Bestandsaufnahme: Wo tut Scham eigentlich weh und wo gehört sie hin? Stein nimmt Themen wie Körperscham, Essensscham oder Herkunftsscham auseinander. Ihr Hauptpunkt: Frauen wird von klein auf eingeredet, sich für ihren Körper oder ihr Auftreten zu schämen. Das muss aufhören! Scham soll gefälligst die Seite wechseln – hin zu den Leuten, die Ungerechtigkeit verzapfen.
Wir begleiten die Autorin selbst durch verschiedene Phasen ihres Lebens: vom verunsicherten elfjährigen Mädchen über die wütende Pubertäts-Punkerin im Abwehrmodus bis hin zur reflektierten Frau von heute. Dazu kommt eben jene innere Stimme „Aidos“, die ihr ständig einreden will, nicht gut genug zu sein, und mutige Vorbilder wie Gisèle Pelicot, die zeigen, wie echte Würde aussieht.
Ein richtig starker, ehrlicher Leseeindruck: Das Buch macht Mut, dem eigenen inneren Zensor den Mittelfinger zu zeigen und unberechtigte Scham einfach über Bord zu werfen.