Schluss mit der Scham, die nicht mir gehört
Die Leseprobe zu „Die unverschämte Frau" von Miriam Stein hat mich sofort mitgenommen. Stein beginnt mit einer Kindheitsszene, die zunächst banal wirkt – eine Jugendfahrt 1988, bei der die elfjährige Miriam wegen ihres Schnarchens hinter dem Rücken ausgelacht wird –, und entfaltet daraus ein ganzes Lebensthema: wie tief sich Scham in uns festsetzt, sobald wir als Mädchen sozialisiert werden, und wie viel Energie es kostet, ihr ein Leben lang zu entkommen.
Besonders eindrücklich fand ich, wie ehrlich Stein von ihrem „falschen Selbst" erzählt, das sie sich als Schutzschicht zulegt – mal als angepasstes, liebes Mädchen, mal als schnarchende, unverschämte „Kettensäge", die absichtlich gegen alle Konventionen verstößt. Beides, das zeigt sie klug, war letztlich derselbe Versuch, der Scham zu entkommen, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Der Verweis auf Donald Winnicotts Konzept des „falschen Selbst" gibt dem Ganzen einen fundierten psychologischen Unterbau, ohne dass der persönliche Ton verloren geht.
Auch der Übergang von der eigenen Geschichte zur gesellschaftlichen Analyse gelingt stark: Stein bringt Brené Browns Scham-Forschung, den Fall Gisèle Pelicot und deren Satz „Die Scham muss die Seite wechseln!" sowie die griechische Göttin Aidos elegant zusammen und stellt die richtige Frage – nicht, wie man Scham komplett abschafft, sondern wie man erkennt, welche Scham einen schützt und welche einen klein hält. Das Kapitel „Meine Scham-Inventur", in dem sie Aidos wie eine toxische Freundin personifiziert, mit der sie einen inneren Dialog führt, ist originell und macht ein sperriges Thema plötzlich sehr konkret.
Was mich zusätzlich überzeugt: Das Buch bleibt nicht bei individueller Befindlichkeit stehen, sondern zeigt an Beispielen wie JD Vances Aussagen über kinderlose Frauen oder historischen Zitaten über „alte Jungfern", wie Beschämung systematisch als Mittel eingesetzt wird, um Frauen kleinzuhalten. Das gibt dem persönlichen Bekenntnisbuch politische Schärfe, ohne belehrend zu wirken.
Nach dieser Leseprobe bin ich sehr gespannt auf die angekündigten Kapitel zu Körper-, Essens-, Anstands-, Geld- und Herkunftsscham. „Die unverschämte Frau" verspricht ein kluges, warmherziges und zugleich wütendes Buch zu werden – genau die Mischung, die ich mir von guter Sachliteratur zu diesem Thema wünsche.
Besonders eindrücklich fand ich, wie ehrlich Stein von ihrem „falschen Selbst" erzählt, das sie sich als Schutzschicht zulegt – mal als angepasstes, liebes Mädchen, mal als schnarchende, unverschämte „Kettensäge", die absichtlich gegen alle Konventionen verstößt. Beides, das zeigt sie klug, war letztlich derselbe Versuch, der Scham zu entkommen, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Der Verweis auf Donald Winnicotts Konzept des „falschen Selbst" gibt dem Ganzen einen fundierten psychologischen Unterbau, ohne dass der persönliche Ton verloren geht.
Auch der Übergang von der eigenen Geschichte zur gesellschaftlichen Analyse gelingt stark: Stein bringt Brené Browns Scham-Forschung, den Fall Gisèle Pelicot und deren Satz „Die Scham muss die Seite wechseln!" sowie die griechische Göttin Aidos elegant zusammen und stellt die richtige Frage – nicht, wie man Scham komplett abschafft, sondern wie man erkennt, welche Scham einen schützt und welche einen klein hält. Das Kapitel „Meine Scham-Inventur", in dem sie Aidos wie eine toxische Freundin personifiziert, mit der sie einen inneren Dialog führt, ist originell und macht ein sperriges Thema plötzlich sehr konkret.
Was mich zusätzlich überzeugt: Das Buch bleibt nicht bei individueller Befindlichkeit stehen, sondern zeigt an Beispielen wie JD Vances Aussagen über kinderlose Frauen oder historischen Zitaten über „alte Jungfern", wie Beschämung systematisch als Mittel eingesetzt wird, um Frauen kleinzuhalten. Das gibt dem persönlichen Bekenntnisbuch politische Schärfe, ohne belehrend zu wirken.
Nach dieser Leseprobe bin ich sehr gespannt auf die angekündigten Kapitel zu Körper-, Essens-, Anstands-, Geld- und Herkunftsscham. „Die unverschämte Frau" verspricht ein kluges, warmherziges und zugleich wütendes Buch zu werden – genau die Mischung, die ich mir von guter Sachliteratur zu diesem Thema wünsche.