Schluss mit falscher Scham: ehrlich, persönlich und unglaublich befreiend

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jule2005 Avatar

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Schon der Titel Die unverschämte Frau hat mich sofort neugierig gemacht. „Vom Ende falscher Scham“ klingt nach einem Buch, das nicht einfach dazu auffordert, selbstbewusster zu sein, sondern genauer hinterfragt, warum wir uns überhaupt für so viele Dinge schämen. Auch das Cover passt für mich gut zu diesem selbstbewussten und direkten Ansatz.

Besonders gepackt hat mich der sehr persönliche Einstieg. Die Geschichte über das Schnarchen während der Chorfreizeit ist auf den ersten Blick vielleicht eine Kleinigkeit, zeigt aber unglaublich eindrücklich, wie aus einem scheinbar harmlosen Kommentar ein jahrelanges Schamgefühl entstehen kann. Ich fand es spannend zu lesen, wie die Autorin dieses Erlebnis später mit ihrem eigenen Körperbild, ihrem Verhalten und ihrer Vorstellung davon, wie eine „gute“ oder „anständige“ Frau sein sollte, verbindet.

Der Schreibstil gefällt mir ausgesprochen gut. Miriam Stein schreibt sehr offen, direkt und selbstironisch. Gerade die Mischung aus persönlichen Erfahrungen, gesellschaftlicher Kritik und psychologischen Erklärungen macht die Leseprobe für mich besonders interessant. Begriffe wie das „falsche Selbst“ oder die Erklärung von Scham als Angst, nicht dazuzugehören, geben den persönlichen Erlebnissen zusätzlich eine größere Bedeutung.

Besonders angesprochen hat mich die Erkenntnis, dass die Autorin sich im Laufe ihres Lebens ganz unterschiedliche „Rüstungen“ zugelegt hat: erst das rebellische, unverschämte Auftreten und später das Anpassen an die Erwartungen anderer. Dadurch wird deutlich, dass Selbstbestimmung nicht automatisch bedeutet, sich gegen alle Erwartungen zu stellen. Man kann sich auch dabei selbst verlieren, wenn man ständig versucht, den Vorstellungen anderer zu entsprechen.

Sehr spannend finde ich auch den Gedanken, dass Scham nicht nur ein persönliches Gefühl ist, sondern durch gesellschaftliche Vorstellungen darüber geprägt wird, wie Frauen sein, aussehen und sich verhalten sollen. Die Verbindung zu Gisèle Pelicot und ihrem Satz, dass die Scham die Seite wechseln müsse, hat der Leseprobe für mich noch einmal eine sehr ernste und politische Dimension gegeben.

Ich erwarte von dem Buch eine Mischung aus persönlichen Erfahrungen, gesellschaftlicher Analyse und Denkanstößen darüber, welche Formen von Scham wir eigentlich längst loslassen könnten. Besonders neugierig bin ich auf die verschiedenen Scham-Bereiche, die im Inhaltsverzeichnis angekündigt werden, von Körper- und Essensscham über Geld bis hin zu Herkunft und Anstand. Die Leseprobe hat mich jedenfalls schon dazu gebracht, über meine eigenen Vorstellungen von „richtig“ und „falsch“ nachzudenken, und genau deshalb würde ich sehr gerne weiterlesen.