Scham ist ein Riesending – und dieses Buch zeigt, warum

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Beim Cover war ich zunächst tatsächlich etwas unsicher. Auf den ersten Blick hätte ich eher einen Roman als ein Sachbuch erwartet. Auch das Veilchen als Motiv hat bei mir nicht sofort gezündet, da mir die dahinterstehende Symbolik der Frau als Veilchen vorher nicht geläufig war. Ich finde das Cover durchaus schön, aber ob ich allein deshalb im Buchladen danach gegriffen hätte? Wahrscheinlich eher nicht. Umso interessanter finde ich im Nachhinein den Titel „Die unverschämte Frau“, denn dessen Bedeutung hat sich für mich während des Lesens komplett verändert.

„Unverschämt“ ist schließlich erst einmal negativ besetzt. Wer unverschämt ist, hat sich nicht benommen, war nicht nett, hat Grenzen überschritten. Miriam Stein dreht diese Bedeutung gewissermaßen um: Was passiert, wenn wir aufhören, uns für Dinge zu schämen, für die wir uns gar nicht schämen müssten? Genau diese Entwicklung hat während des Lesens auch bei mir stattgefunden. Ich möchte das Wort „unverschämt“ jetzt viel positiver für mich besetzen.

Stein beschäftigt sich unter anderem mit Körper-, Essens-, Geld- und Herkunftsscham und stellt diesen Formen eine Scham gegenüber, die durchaus ihre Berechtigung hat: nämlich dort, wo es darum geht, die Würde anderer Menschen zu respektieren und Menschlichkeit zu bewahren.

Besonders gut gefallen hat mir die Mischung aus Sachbuch und persönlichen Erfahrungen. Gefühlt besteht das Buch für mich ungefähr zur Hälfte aus beidem. Stein erzählt sehr offen aus ihrem eigenen Leben und verbindet diese Erlebnisse gleichzeitig mit Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen, deren Quellen sich im ausführlichen Quellenverzeichnis nachvollziehen lassen. Dadurch ist das Buch fundiert, ohne auch nur ansatzweise staubtrocken zu wirken.

Gerade Steins Offenheit hat bei mir viel ausgelöst. Bei vielen Situationen dachte ich: Ja, das kenne ich – vielleicht nicht genauso, aber in ähnlicher Form. Ihre persönlichen Erfahrungen wirken authentisch und schaffen eine Atmosphäre, in der ich auch selbst offener mit mir sein konnte. Gleichzeitig spürt man an einigen Stellen ihre Wut darüber, wie bestimmte gesellschaftliche Strukturen noch immer funktionieren. Besonders beim Umgang mit Scham im medizinischen Bereich hat mich das beschäftigt.

Vor dem Lesen habe ich mich gefragt, ob Scham tatsächlich so ein großes Thema ist. Nach diesem Buch ist meine Antwort eindeutig: Ja, Scham ist ein Riesending. Und gerade deshalb ist es so wichtig, sie überhaupt erst einmal zu erkennen. Denn dann kann ich hinterfragen: Wofür schäme ich mich eigentlich? Muss ich mich dafür wirklich schämen? Oder liegt die Scham vielleicht gar nicht bei mir, sondern an einer ganz anderen Stelle?

Für mich ist „Die unverschämte Frau“ deshalb nicht nur ein unglaublich interessantes Sachbuch, sondern eines, das auch nach dem Lesen weiterarbeitet. Ich habe es bereits weiterempfohlen und würde es auch verschenken. Von mir gibt es 5 von 5 Sternen und eine uneingeschränkte Leseempfehlung für alle, die bereit sind, die eigene Scham einmal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen – und vielleicht ein bisschen unverschämter zu werden.