Scham - pro & contra

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
claras Avatar

Von

"Vom Ende falscher Scham" verspricht schon der Untertitel des neuen Buches von Miriam Stein. Und er macht bereits deutlich, dass es aus Sicht der Autorin "richtige" und "falsche" Scham gibt.

Sie verpackt diese sehr persönlichen Perspektiven auf das Thema Scham in das Konstrukt einer "Scham-Inventur", mit der sie herausfinden will, in welchen Bereichen Scham völlig überflüssig und zerstörerisch ist und an welchen Stellen sie durchaus nützlich sein kann. Diese differenzierte Betrachtungsweise einer Kultur der Scham ist ein großer Pluspunkt des Buches.

Miriam Stein betrachtet exemplarisch Bereiche ihres eigenen Lebens, in denen Scham eine Rolle spielt(e): Körperscham, Geldscham, Herkunftsscham u.a. Ob dies so detailreich nötig gewesen wäre, sei dahingestellt. In jedem Fall wird klar, welche destruktiven Auswirkungen falsche Scham auf unser Leben und auf die Gesellschaft haben kann.

Gerade deshalb ist ihr Kapitel zu Anstand als guter und gesunder Scham im zwischenmenschlichen Miteinander als Gegenpol so wichtig.
Auch wenn das Kapitel letztlich in weiten Teilen nur dem Thema sexueller Untreue gewidmet ist, obwohl Anstand so viel mehr zu bieten hätte als nur diesen einen Teilbereich.

Leider ist dies in einigen Kapiteln zu beobachten:
Dass nicht ganz klar wird, wie es manche Passagen unter die jeweilige Kapitelüberschrift geschafft haben. Weil es keinen erkennbaren Bezug gibt.

Spannend sind verschiedene Konzepte, die Stein im Rahmen ihres Buches vorstellt und die jede*r für sich selbst weiter vertiefen kann:
So etwa der Scham-Kompass von Nathanson oder das Konzept der Schamkompetenz von Dolezal.
Auch die Reflektionsfragen zu Beginn jeden Kapitels bieten Anlass, sich vertiefend mit der eigenen Scham-Geschichte und -Kompetenz auseinanderzusetzen.

Dass die Autorin gern in sozialen Medien unterwegs ist, wird nicht zuletzt in ihrem Duktus an den entsprechenden Stellen im Buch deutlich – wie in unzähligen Ausrufe- oder Fragezeichen oder Großschreibung. Angelehnt an empörte Social-Media-Kommentare.

Alles in allem ein sehr differenziert geschriebenes Buch, das Anlass zum persönlichen Weiterdenken bietet und immer wieder Wert darauf legt, nicht „zurückzuschießen“ oder „Gleiches mit Gleichem vergelten“ zu wollen. Und dennoch ehrlich und konkret mit dem Thema (überwiegend weiblicher) Scham als gesellschaftlichem Problem umzugehen.

Danke.