Schamlos ehrlich

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Sachbücher haben es bei mir nicht immer leicht, denn häufig fällt es mir schwer, über die gesamte Länge am Ball zu bleiben. Bei „Die unverschämte Frau“ war das erstaunlicherweise überhaupt nicht der Fall. Das Buch hat sich extrem schnell weggelesen, was vor allem an Miriam Steins zugänglichem, pointiertem Schreibstil liegt. Besonders ihre gehörige Portion Zynismus und Selbstironie sorgt dafür, dass selbst schwere und sehr persönliche Themen nicht erdrückend wirken. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, ein trockenes Sachbuch zu lesen.

Inhaltlich war das Buch allerdings anders, als ich erwartet hatte. Aufgrund des Titels und der thematischen Ausrichtung hatte ich mit einer stärkeren Analyse weiblicher Scham gerechnet. Mich hätte besonders interessiert, woher bestimmte Schamgefühle kommen, weshalb gerade Frauen für sie empfänglich sind und wie wir uns konkret von ihnen lösen können. Stattdessen nimmt Miriam Stein vor allem eine sehr persönliche Inventur ihrer eigenen Scham vor. Dabei betrachtet sie ganz unterschiedliche Lebensbereiche wie Gesundheit, Essverhalten oder Finanzen und ergänzt ihre Erfahrungen immer wieder durch Ergebnisse aus Studien.

Dass meine ursprüngliche Erwartung nicht ganz erfüllt wurde, hat meiner Freude an dem Buch jedoch kaum geschadet. Stein geht bemerkenswert offen und schonungslos mit sich selbst ins Gericht. Gerade diese Ehrlichkeit macht ihre Erzählungen authentisch und nahbar. Ich habe mich in ihren Erfahrungen und Gedanken erstaunlich oft wiedergefunden. Für mich bezieht sich der Titel daher weniger auf Frauen im Allgemeinen als vielmehr auf die Autorin selbst und ihren persönlichen Weg zu einem unverschämteren Umgang mit dem eigenen Leben. Interessant fand ich außerdem, dass Stein Scham keineswegs grundsätzlich verteufelt. Sie zeigt auch, dass uns als Gesellschaft an manchen Stellen durchaus etwas mehr davon guttun könnte.

Einen Aspekt hätte ich mir allerdings ausführlicher gewünscht. Hinter Scham steckt häufig Angst, und diese Verbindung hätte für meinen Geschmack mehr Raum und eine stärkere Einordnung verdient. Gerade weil Stein so viele unterschiedliche Formen von Scham beleuchtet, wäre hier eine tiefergehende Betrachtung eine wertvolle Ergänzung gewesen.

Insgesamt ist „Die unverschämte Frau“ für mich ein sehr gelungenes, mutiges und vor allem ehrliches Buch. Wer einen klassischen Ratgeber mit konkreten Anleitungen zum Ablegen eigener Schamgefühle erwartet, könnte etwas anderes bekommen als erhofft. Wer sich dagegen auf Miriam Steins persönliche Erfahrungen und ihre kluge, selbstironische Auseinandersetzung mit Scham einlassen möchte, bekommt ein ebenso unterhaltsames wie nachdenklich machendes Buch. Chapeau!