Geruhsame Wanderung zu dem, was wirklich zählt

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guildenstern Avatar

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Andy Merrifield nimmt den Leser mit auf eine Reise, zu Fuß und in gemächlichem Erzähltempo. Er beschreibt die friedvolle Landschaft der Auvergne und führt wortlose Unterhaltungen mit seinem Begleiter, dem Esel Gribouille - einem groß gewachsenen und starken, aber dennoch friedfertigen Tier.
Der Autor, in Liverpool geboren, ist nach Stationen in Südengland und langen Jahren in New York schließlich in Frankreich gelandet. Auf dieser langsamen Wanderung hat er viel Zeit und denkt über Bücher nach, die er gelesen hat. Stevenson hat auch eine Wanderung mit einem Esel gemacht, spricht aber wenig einfühlsam darüber, ganz im Gegensatz zu Andy Merrifield, der die unergründlichen Augen und beweglichen Ohren des Esels, auch feinste Nuancen seiner Fellfarben und der Hufe liebevoll betrachtet und beschreibt.
Die Reflektionen über das Leben und die Zeit wechseln sich ab mit Betrachtungen von Philosophen wie Heidegger, Aristoteles, Spinoza und Dichtern wie Kafka, Cervantes, Prévert, Dostojewski, Shakespeare und Orwell.
In vielen Filmen, Fabeln und Büchern spielen die Esel eine Rolle. Von Arthur Janovs Urschrei und Anne Sextons Gedichten zieht Andy Merrifield Parallelen zur heute anerkannten tiergestützten Therapie in psychiatrischen Kliniken. In anderen Regionen der Welt, den Ländern des Vorderen Orients (Marokko, Ägypten) sah der Autor Esel und Menschen, die ein geschundenes, armseliges Leben führen. Auf seiner Fußreise durch Frankreichs schöne Landschaft ist es ganz anders. Die Begegnungen mit Menschen und Tieren auf seiner Wanderung finden immer unter dem beruhigenden Einfluss des Esels statt. Das Buch enthält zwar keine Karte seiner Wegstrecke, doch kann man anhand der präzisen Schilderungen mehrere Stationen, Orte in der Auvergne, herausfinden. Andy Merrifield spürt sogar das winzige Champot auf, den Wohnsitz des Philosophen Guy Debord. Es scheint, dass ihm dessen Werke Orientierung in seinem Leben gegeben haben, und den Mut, aufzubrechen und sein altes Leben in New York hinter sich zu lassen.
In Gedanken und Tagträumen philosophiert er über sein bisheriges Leben, über die moderne Zeit, die Hektik in der Stadt, die scharfen, unverdorbenen Sinne des Tieres und seine eigenen, altersentsprechend nachlassenden ...
Was passiert mit einem Menschen, der Dynamik gegen Zeitlupentempo, ständige Reizüberflutung gegen Stille und Alleinsein tauscht? Es ist auf jeden Fall eine prägende Erfahrung, die Andy Merrifield nicht missen will.
Es passiert nicht viel in diesem Buch - der Autor hat Zeit, jeden Augenblick bewusst zu erleben und über den Lauf der Welt nachzusinnen. Das Buch hat eine bedächtige Langsamkeit, die ansteckend wirkt. Wer sich darauf einlässt, wird mit einem besonderen Leseerlebnis belohnt.