Berlin im kalten Nachkriegswinter 1946

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magdas_buecherwelt Avatar

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Ich liebe die Bücher der von Anne Stern, sowohl die Fräulein Gold-Reihe, die Semperoper-Trilogie als auch ihre Stand Alone-Romane, ich liebe ihren poetischen Sprachstil und tauche in ihren Büchern sehr gerne in längst vergangene Zeiten ab.
Die Handlung spielt im legendären Kälte- und Hungerwinter des Jahres 1946. Berlin ist von den Alliierten besetzt, die Entnazifizierung und die Nürnberger Prozesse sind im vollen Gange, allerdings ist schon abzusehen, dass viele Mitläufer und Mittäter ungestraft oder mit geringen Strafen davonkommen werden.
Kommissar König hatte die letzten Kriegsjahre wegen Befehlsverweigerung im Gefängnis verbracht, wo seine physische und psychische Gesundheit stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, die Misshandlungen haben ihn ein Auge gekostet, die Augenklappe wird zu seinem Markenzeichen. Er arbeitet in der Mordkommission auf einer Dienststelle, die in der sowjetischen Besatzungszone liegt, sein Chef verdankt seinen Posten seiner kommunistischen Gesinnung.
Am 14. Dezember findet Lou, eine junge Fotografin, eine Frauenleiche in den Ruinen, in denen sie auf der Suche nach Fotomotiven war. Ohne lange zu überlegen fotografiert sie die tote Frau, die inmitten von Schnee liegt. Kommissar König konfisziert den Film und notiert Lous Anschrift.
Lou teilt sich ihre Wohnung mit Bruno, einem alten Freund, der mit ihr und einigen anderen im Widerstand tätig war. Ihr Mann ist verschollen. Ihre Tage bestehen aus der Jagd nach Essbarem oder Heizmaterial. Um nicht vollkommen zu verzweifeln und das Elend um sie herum wenigstens für eine Weile zu vergessen, geht sie ab und zu in eine Tanzbar. Sie ist überglücklich, als ihr die Barfrau eine halbe Dose Kaffeepulver schenkt, denn Kaffee ist ein rares Gut und eigentlich nur im Tausch gegen Zigaretten zu haben.
Justus, 17, hat es in den Kriegswirren nach Berlin verschlagen, er ist ein kluges Köpfchen und erfolgreich auf dem Schwarzmarkt. Die gleichaltrige Berlinerin Gerti macht ihn mit anderen Jugendlichen bekannt, die heimat- und wohnungslos in den Ruinen hausen.
Dann gibt es da noch Gregor, Kriegsgefangener in Russland. Das Lager überlebt er nur dank seiner rumänischen und russischen Sprachkenntnisse. Ich denke, dass sowohl Gregor als auch Justus im nächsten Band größere Rollen zufallen werden.
Ich habe das Buch sehr gern gelesen, Königs Ermittlungen, bei denen Lous Fotos von großem Belang waren, und die Aufklärung der Morde waren unglaublich spannend. Anne Stern beschreibt authentisch die Kälte und das immerwährende Hungergefühl der Nachkriegszeit. Heutzutage sind eine angenehme Zimmertemperatur, durchgehender Zugang zu Wasser und Strom und die Tasse Kaffee am Morgen selbstverständlich, wie anders sah das doch noch vor achtzig Jahren aus.
Mit dem Auftakt der neuen Reihe konnte die Autorin mich wieder begeistern, sie schreibt unfassbar atmosphärisch und bildhaft. Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Fall für Lou und König.