Kalte Wahrheit

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keia1412 Avatar

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Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich ein großere Fan von Romanen über diese Zeit in dem damaligen Berlin bin. Egal ob Krimi oder Doku finde ich es spannend wie die Menschen damals so gefordert waren und gelebt haben. Und genau hier holt mich Anne Stern ab.
„Die weiße Nacht“ von Anne Stern ist kein Krimi zum schnellen Weglesen, sondern ein Buch, das sich Zeit nimmt – und genau das tut ihm gut. Die Geschichte spielt im Winter 1946/47, mitten im zerstörten Berlin. Es ist kalt, es ist dunkel, und die Menschen sind müde vom Überleben. Diese Stimmung zieht sich konsequent durch den ganzen Roman und macht ihn von Anfang an sehr dicht und glaubwürdig. Man ffühlt die die ganzen Umstände buchstäblich. Schon die ersten Seiten zeigen, worauf man sich einlässt: Berlin liegt unter Schnee, aber dieser Schnee ist alles andere als idyllisch. Er verdeckt Trümmer, Not und Schuld. Anne Stern schafft es, diese Stadt so lebendig zu beschreiben, dass man beim Lesen fast selbst friert. Besonders beeindruckt hat mich, wie selbstverständlich Hunger, Kälte und der Schwarzmarkt zum Alltag gehören – nichts wirkt überzeichnet, alles fühlt sich real an. Vor allem wenn man schon mehrere Dinge über diese Zeit gesehen hat. Im Mittelpunkt steht Lou Faber, eine junge Fotografin. Sie ist keine typische Krimiheldin, eher ruhig, beobachtend, manchmal auch unsicher. Ihre Kamera ist ihr Schutz, aber auch ihr Werkzeug, um der Wahrheit näherzukommen. Als sie eine tote Frau im Schnee findet und fotografiert, wirkt das nicht sensationslüstern, sondern fast zwangsläufig. Lou schaut hin, wo andere wegsehen. Genau das macht sie zu einer starken Hauptfigur, ohne dass sie sich ständig in den Vordergrund drängt.
An ihrer Seite steht Kriminalkommissar Alfred König, ein Mann, dem der Krieg deutlich anzumerken ist. Er ist kein harter Ermittler mit großen Sprüchen, sondern jemand, der versucht, in einer kaputten Welt noch an Gerechtigkeit festzuhalten. Mir hat gefallen, dass König nicht idealisiert wird. Er ist müde, manchmal ratlos und trägt seine eigene Vergangenheit mit sich herum. Gerade dadurch wirkt er sehr menschlich.
Der Kriminalfall selbst ist eher ruhig erzählt, aber stetig spannend. Es geht nicht nur darum, wer die Frau getötet hat, sondern vor allem darum, was Menschen nach dem Krieg zu verbergen versuchen. Immer wieder führt die Spur zurück in die NS-Zeit. Anne Stern zeigt dabei sehr eindrücklich, wie wenig abgeschlossen diese Vergangenheit ist. Schuld wird verdrängt, Verantwortung abgeschoben, und viele Figuren bewegen sich in moralischen Grauzonen. Das macht das Buch deutlich interessanter als einen klassischen „Wer-war’s“-Krimi. Besonders stark fand ich die vielen kleinen Alltagsbeobachtungen: das Organisieren von Essen, das Leben in Ruinen, kurze freundliche Gesten zwischen Fremden. Diese Szenen haben mich oft mehr berührt als die eigentliche Mordermittlung. Sie zeigen, wie Menschen trotz allem versuchen, Mensch zu bleiben – und wie schwer das manchmal ist. Der Titel „Die weiße Nacht“ passt sehr gut zum Roman. Der Schnee steht für Stille und Verdrängung, aber auch für den Wunsch nach einem Neuanfang. Gleichzeitig bleibt vieles dunkel. Nicht alle Fragen lassen sich sauber beantworten, nicht jede Schuld kann gesühnt werden. Das Ende ist deshalb eher nachdenklich als befriedigend im klassischen Sinne – für mich aber genau richtig.
Unterm Strich ist „Die weiße Nacht“ ein ruhiger, atmosphärischer Kriminalroman mit viel historischem Hintergrund. Wer Action, schnelle Wendungen und kurze Kapitel sucht, wird hier vielleicht nicht ganz glücklich. Wer aber gern in eine Zeit eintaucht, Figuren mit Tiefe mag und sich für die moralischen Brüche der Nachkriegszeit interessiert, wird dieses Buch sehr zu schätzen wissen. Es bleibt nach dem Lesen noch eine Weile im Kopf – und das ist für mich immer ein gutes Zeichen. Für mich ein schönes Leseerlebnis...