Vielversprechender Einstiegsband - Berlin 1946/47

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Die Berlinerin Marieluise Faber findet auf der Suche nach Fotomotiven, die sie an Zeitschriften verkaufen will, eine sorgfältig wie Schneewittchen drapierte Frauenleiche im Schnee. Im zweiten Winter nach Ende des Zweiten Weltkriegs sind die Berliner erschöpft von Lebensmittelknappheit, Brennstoffmangel und den kratzigen umgefärbten Uniformstoffen, aus denen notgedrungen Kleidung genäht wird. „Lou“ lebt noch immer am Chamissoplatz, wo sie aufgewachsen ist, in Zweckgemeinschaft mit ihrem engen Freund Bruno, der von der Haft als politischer Gefangener schwer gezeichnet wirkt. Das Schicksal ihres verschwundenen Ehemanns Emil ist noch ungeklärt. Durch eine gewinnbringende Beziehung zu einem US-Soldaten konnte Lou eine hochwertige Kamera ergattern, ohne die sie ihren Beruf nicht ausüben könnte.

Am Fundort der Toten begegnet sie dem ebenfalls schwer von Gefängnishaft gezeichneten Kriminalbeamten König, der zwangsverpflichtet von den Russen, eher widerwillig in seinen alten Beruf zurückgekehrt ist. König hadert damit, dass der Berufsnachwuchs der Polizei praktisch in achtwöchigen Schnellkursen ausgebildet wird – unterrichtet von alten Hasen wie ihm. Zögerlich muss König allerdings anerkennen, dass er und sein sehr junger Inspektor Trautwein in kürzester Zeit zu einem unschlagbaren Team zusammengewachsen sind. Da König durch die aktuelle Mordserie die zukünftige Bedeutung der Kriminalfotografie bewusst wird, zeigt sich sein Zusammentreffen mit Lou als Glücksfall für beide, aber auch für Anne Sterns Leser:innen. Lou gibt mit der spontanen Äußerung, sie wären am Fundort, nicht am Tatort, früh zu erkennen, dass sie keine unbedarfte Hobbyfotografin ist. Sie weckt damit meine Neugier auf ihr Leben vor der Begegnung mit König, über dessen Vorgeschichte auf den ersten Blick mehr zu erfahren ist. Als es zu weiteren Aufbahrungen Ermordeter kommt, stellt sich den Ermittlern die Frage, welches gemeinsame Motiv die Taten verbindet und ob ein Zusammenhang bestehen könnte zur Nachkriegswirtschaft, in der auf dem Schwarzmarkt noch immer mit Zigaretten-Währung gezahlt wird.

In weiteren Handlungsfäden lernen wir Gregor kennen, der als Kriegsgefangener in einem Lager südwestlich von Moskau interniert ist, sowie in Berlin den Schwarzhändler Justus, der durch die Einberufung zum Volkssturm in den letzten Kriegstagen früher für erwachsen erklärt wurde, als man einem Jugendlichen wünschen wurde.

Fazit
Anne Sterns Einstiegsband in eine neue Serie historischer Kriminalromane überzeugt mit der empathisch wiedergegebenen Atmosphäre des eisigkalten Berlins. Die Bewohner realisieren unwillig, dass die ehemaligen Kriegsverbrecher des Nationalsozialismus unbehelligt in Amt und Würden bleiben, während die Bevölkerung hungert und sich durch den Vier-Mächte-Status der besetzten Stadt kaum „befreit“ fühlt. Die bisher aufgetretenen Figuren und Lous Begegnung mit König versprechen interessante Verbindungen in den Fortsetzungsbänden. Für die Folgebände wünsche ich mir allerdings größere Präzision in der Beschreibung handwerklicher Abläufe wie dem Entwickeln eines Schwarz-Weiß-Films oder dem Aufmauern einer Backsteinmauer. Der Fachwortschatz allein bringt noch keine logischen Abläufe.