Ein Sog ab der ersten Seite
Richtig stark finde ich die Figur der Michelle. Eine Frau, die ihren Schmuckladen in der Lausitz aufgeben musste, mit Schulden und zwei Taschen auf der Vespa in die Großstadt zieht und sich als Hotelangestellte durchschlägt. Sie ist schlagfertig, stolz und gleichzeitig ständig einen Fehltritt vom Absturz entfernt. Wie die Autorin ihre Existenzangst schildert – das Haushaltsbuch gegen die Panik, die Reste vom Room-Service-Wagen, der eine Ring als letzte Sicherheit – das ist ungeschönt und trotzdem nie mitleidig erzählt. Solche prekären Lebensrealitäten liest man in deutschen Romanen selten so ehrlich.
Die Sprache ist direkt, rau, manchmal derb, aber immer lebendig. Michelle klingt wie ein echter Mensch, nicht wie eine Romanfigur. Der Kontrast zwischen ihr und dem behüteten Henry, der aussieht wie aus einem Schwiegersohn-Katalog, verspricht viel Reibung – und der Titel lässt ahnen, dass es hier um mehr geht als nur um eine Liebesgeschichte.
Ich will unbedingt wissen, was mit Michelle passiert ist und wie diese ungleiche Beziehung sich entwickelt hat. Klare Leseempfehlung für alle, die Romane mit starken, kantigen Frauenfiguren und sozialer Tiefenschärfe mögen.