Liebe voller Abgründe

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Bereits das Cover von „Die zweitgrößte Liebe“ hat mich sofort angesprochen. Es wirkt ruhig, elegant und gleichzeitig geheimnisvoll, ähnlich wie schon „Die schönste Version“, Genaus so als würde sich hinter der schlichten Gestaltung eine Geschichte mit großer emotionaler Tiefe verbergen. Nachdem „Die schönste Version“ für mich zu einem absoluten Lieblingsbuch geworden ist, war meine Vorfreude auf Ruth-Maria Thomas' neuen Roman riesig. Die Leseprobe hat diese Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern sogar noch gesteigert.Besonders beeindruckt hat mich wieder der Schreibstil. Ruth-Maria Thomas schreibt unglaublich atmosphärisch und mit einer sprachlichen Präzision, die jede Szene lebendig werden lässt. Ihre Sätze wirken nie überladen, sondern fließen ganz selbstverständlich und erzeugen dennoch eine enorme emotionale Wucht. Schon auf den ersten Seiten entsteht eine bedrückende Spannung, als Henry nach Hause kommt und Michelle spurlos verschwunden ist. Aus kleinen Beobachtungen wie einem offenen Fenster, einem Blutspritzer im Bad oder einer fehlenden Schmuckschatulle, entwickelt sich ein immer stärker werdendes Gefühl der Unruhe. Gerade weil nichts vorschnell erklärt wird, sondern die Angst gemeinsam mit Henry wächst, konnte ich die Leseprobe kaum aus der Hand legen.Auch die wechselnde Perspektive auf Michelle gefällt mir gut. Statt sie nur als verschwundene Person kennenzulernen, bekommt sie sofort eine eigene Stimme. Sie ist widersprüchlich, mutig, verletzlich, schlagfertig und kämpft mit einer beeindruckenden Entschlossenheit gegen ihre finanziellen Sorgen und ihre Vergangenheit an. Besonders ihre Gedankenwelt, ihre Selbstironie und ihr Wunsch nach einem Neuanfang machen sie zu einer Figur, die sich nicht in einfache Kategorien einordnen lässt. Henry wirkt dagegen zunächst eher sanft, fürsorglich und fast etwas naiv, wodurch der Kontrast zwischen den beiden umso spannender erscheint.Was mich an der Leseprobe besonders begeistert hat, ist die Verbindung aus psychologischer Spannung und gesellschaftlicher Realität. Themen wie finanzielle Unsicherheit, soziale Unterschiede, Existenzängste und der Wunsch nach einem besseren Leben wirken nie konstruiert, sondern ehrlich und greifbar. Gleichzeitig schwebt über allem die große Frage, was mit Michelle passiert ist. Gerade weil man sie zuvor so intensiv kennenlernt und ihre Hoffnungen und Ängste miterlebt, bekommt ihr Verschwinden eine noch größere emotionale Wucht.Ich möchte das Buch unbedingt weiterlesen, weil ich erfahren möchte, was hinter Michelles Verschwinden steckt und wie sich ihre Beziehung zu Henry entwickelt hat. Gleichzeitig interessiert mich, welche Entscheidungen Michelle getroffen hat und welche Geheimnisse ihre Vergangenheit noch bereithält. Wenn der weitere Roman die sprachliche Qualität und die emotionale Intensität dieser Leseprobe beibehält, erwartet mich ein bewegendes, klug erzähltes und wahrscheinlich noch lange nachwirkendes Leseerlebnis.