Eine Liebe, die an den Lebensrealitäten zerbricht

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Ich war von „Die zweitgrößte Liebe“ sofort in der Geschichte drin, auch wenn sie auf den ersten Blick eher ruhig und unspektakulär wirkt. Genau das hat mir aber richtig gut gefallen, denn Ruth-Maria Thomas zeigt die Unterschiede zwischen Michelle und Henry nicht mit großen Dramen, sondern in kleinen Gesprächen und alltäglichen Situationen.

Michelle und Henry kommen aus völlig unterschiedlichen finanziellen Verhältnissen und genau dieses Ungleichgewicht wird für ihre Beziehung immer wichtiger. Besonders spannend fand ich, wie unterschiedlich sich Sicherheit und Existenzangst anfühlen können und wie schwer es ist, diese Erfahrungen wirklich miteinander zu verstehen.

Dabei mochte ich sehr, dass Henry nicht einfach als der reiche, unsensible Partner dargestellt wird. Seine Gefühle für Michelle sind ehrlich und seine Fürsorge gut gemeint, trotzdem entsteht dadurch eine Abhängigkeit, die ihre Beziehung immer wieder belastet.

Am meisten berührt hat mich, wie realistisch die Autorin das gegenseitige Missverstehen beschreibt. Beide wollen einander verstehen und lieben sich, sprechen aber trotzdem oft aneinander vorbei.

Für mich ist „Die zweitgrößte Liebe“ deshalb nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern vor allem ein kluger Roman über Klassismus, Geld, Abhängigkeit und die Frage, wie sehr unsere Herkunft unsere Beziehungen prägt. Besonders die ruhige, präzise Sprache hat mir gefallen, weil hinter vielen scheinbar einfachen Szenen unglaublich viel steckt.

Ein leises Buch, das bei mir deutlich mehr ausgelöst hat, als ich anfangs erwartet hätte und über das ich nach dem Lesen noch lange nachdenken musste.