Fein beobachtete Gesellschaftskritik mit etwas zu viel emotionaler Distanz

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nessabo Avatar

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Ich habe „Die schönste Version“ von Ruth-Maria Thomas geliebt und hatte entsprechende Erwartungen an ihren zweiten Roman. Doch auch, wenn ich die Geschichte inhaltlich mit ihrer Gesellschaftskritik wirklich ausgereift fand, ist sie doch nur die zweitgrößte Liebe geworden. 😉

Thomas gelingt es auch hier wieder, ihren markanten Ton beizubehalten. Sie schreibt rau und nüchtern, wechselt zwischen direkter und indirekter Rede. Das erhöht den Anspruch der Geschichte und ich mag den Wiedererkennungswert sehr, obwohl ich in diesem Roman mehr damit zu kämpfen hatte.

Inhaltlich habe ich absolut nichts zu meckern. Das Aufeinanderprallen der verschiedenen Klassen von Michelle und Henry ist glaubwürdig-schmerzhaft geschrieben und fein beobachtet. Henrys Klassismus zeigt sich so subtil, dass aufmerksames Lesen angeraten ist - und das, obwohl er grundsätzlich eine freundliche, reflektierte Figur ist. Über Michelle wiederum wird eindrücklich abgebildet, wie finanzielle Not das komplette Leben bestimmt und wie sich das Erbe eines Aufwachsens in Armut fortsetzt. Besonders reizvoll fand ich die späteren Passagen, in denen Michelle einen Klassenaufstieg durchlebt und mit ihrem eigenen veränderten Verhalten konfrontiert ist.

Bei all den positiven Aspekten gibt es allerdings einen großen Punkt, der verhindert hat, dass dieses Buch zu einem erneuten Highlight wird. Emotional war ich überwiegend sehr distanziert. Obwohl beide Hauptfiguren greifbar geschrieben sind und wir viele Einblicke in ihr Innerstes bekommen, habe ich mich auf Gefühlsebene eher ausgeschlossen gefühlt. Das betrifft vor allem die Beziehung der beiden. Trotz aller Hürden wurde sie zwar als liebevoll und intensiv beschrieben, das habe ich aber nicht fühlen können. Die Chemie der beiden hat sich mir einfach nicht wirklich gezeigt.

Vielleicht liegt es auch am Thema, dass ich dem Debüt näher war als diesem Werk jetzt. Die Autorin bleibt für mich eine hochtalentierte literarische Stimme, die ich weiterverfolgen werde. Ihr Feingefühl, mit dem sie gesellschaftliche Themen zwischen ihren Figuren auf komplexe Art verhandelt, ist beeindruckend. Und auch, wenn ich mich hier beim Lesen mehr anstrengen musste, sind die 300 Seiten doch erstaunlich schnell verflogen und ich empfehle das Werk sehr.