Kann Liebe alles überstehen?
Nach "Die schönste Version" beweist Ruth-Maria Thomas mit "Die zweitgrößte Liebe" erneut, wie präzise sie gesellschaftliche Themen in Literatur übersetzen kann. Im Mittelpunkt steht Michelle, die nach einem Neuanfang Henry kennenlernt. Sie verlieben sich. Gleichzeitig könnten ihre Voraussetzungen kaum unterschiedlicher sein. Während Henry finanzielle Sicherheit nie hinterfragen musste, ist Existenzangst für Michelle ein ständiger Begleiter.
Was mich anfangs schon überrascht hat: Ich war zwar sofort in der Geschichte drinnen, hatte aber gleichzeitig das Gefühl, dass sie eher vor sich hinplätschert. Erst nach und nach habe ich dann aber verstanden, dass genau darin die große Stärke dieses Romans liegt. Ruth-Maria Thomas erzählt nicht von den großen, offensichtlichen Klassenunterschieden. Sie zeigt sie in Blicken, Gesprächen und scheinbar beiläufigen Alltagssituationen. Genau dadurch entfalten sie im Endeffekt ihre ganze Wucht.
Nachhaltig in Erinnerung geblieben und super schmerzhaft fand ich die Gespräche zwischen Michelle und Henry über das Thema Geld. Als Michelle fragt, wie es sich anfühlt, abgesichert zu sein, antwortet Henry: „Es fühlt sich … normal an. Schätze ich. Es ist etwas … Selbstverständliches für mich.“ (S. 89). Wenig später beschreibt Michelle Existenzangst mit einem scheinbar simplen Satz, der aber einfach alles sagt: „Es ist, als würde über allem ein Schatten liegen.“ (S. 90). Mit diesem Satz wird nämlich sichtbar, dass Armut sich auf einfach aaaalles auswirkt. Eine kleine "fremde" Leseempfehlung möchte, nein MUSS ich an dieser Stelle aussprechen: Wer sich bisher wenig mit Klassismus und Armut beschäftigt hat, sollte zusätzlich "Das können wir uns nicht leisten" von Miriam Davoudvandi lesen. Das Sachbuch liefert viele Hintergründe, die zahlreiche Situationen aus dem Roman hier noch einmal auf einer ganz anderen Ebene verständlich machen.
Aber zurück zu "Die zweitgrößte Liebe": Was diesen Roman für mich auch ganz besonders macht ist, dass die Autorin nie mit erhobenem Zeigefinger erzählt. Henry ist, obwohl reich, kein Antagonist. Seine Fürsorge ist ehrlich. Trotzdem zeigt der Roman, wie unterschiedlich Liebe aussehen kann, wenn zwei Menschen mit völlig verschiedenen Erfahrungen von Sicherheit, Risiko und Zukunft aufgewachsen sind. Diese Ambivalenz macht die Geschichte für mich sooooo stark. Auch sprachlich hat mich der Roman begeistert. Ruth-Maria Thomas schreibt unglaublich nahbar und beobachtet den Alltag mit einer Präzision, die mich an Anne Freytag erinnert. Nichts wirkt überhöht, und doch steckt in vielen Sätzen eine enorme gesellschaftliche Wucht. Über das Ende möchte ich bewusst nichts verraten. Nur so viel: Ich saß am Schluss weinend da vor lauter Wut und Traurigkeit über die Ungerechtigkeiten des Lebens.
Fazit
Die zweitgrößte Liebe ist ein unglaublich kluger, fein beobachteter und emotional kraftvoller Roman über Liebe, Klassismus und die Frage, wie frei wir in unseren Entscheidungen wirklich sind. Für mich eine absolute Leseempfehlung und eines der Bücher, das mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird; und das ich in Zukunft sicher noch oft empfehlen werde.
Was mich anfangs schon überrascht hat: Ich war zwar sofort in der Geschichte drinnen, hatte aber gleichzeitig das Gefühl, dass sie eher vor sich hinplätschert. Erst nach und nach habe ich dann aber verstanden, dass genau darin die große Stärke dieses Romans liegt. Ruth-Maria Thomas erzählt nicht von den großen, offensichtlichen Klassenunterschieden. Sie zeigt sie in Blicken, Gesprächen und scheinbar beiläufigen Alltagssituationen. Genau dadurch entfalten sie im Endeffekt ihre ganze Wucht.
Nachhaltig in Erinnerung geblieben und super schmerzhaft fand ich die Gespräche zwischen Michelle und Henry über das Thema Geld. Als Michelle fragt, wie es sich anfühlt, abgesichert zu sein, antwortet Henry: „Es fühlt sich … normal an. Schätze ich. Es ist etwas … Selbstverständliches für mich.“ (S. 89). Wenig später beschreibt Michelle Existenzangst mit einem scheinbar simplen Satz, der aber einfach alles sagt: „Es ist, als würde über allem ein Schatten liegen.“ (S. 90). Mit diesem Satz wird nämlich sichtbar, dass Armut sich auf einfach aaaalles auswirkt. Eine kleine "fremde" Leseempfehlung möchte, nein MUSS ich an dieser Stelle aussprechen: Wer sich bisher wenig mit Klassismus und Armut beschäftigt hat, sollte zusätzlich "Das können wir uns nicht leisten" von Miriam Davoudvandi lesen. Das Sachbuch liefert viele Hintergründe, die zahlreiche Situationen aus dem Roman hier noch einmal auf einer ganz anderen Ebene verständlich machen.
Aber zurück zu "Die zweitgrößte Liebe": Was diesen Roman für mich auch ganz besonders macht ist, dass die Autorin nie mit erhobenem Zeigefinger erzählt. Henry ist, obwohl reich, kein Antagonist. Seine Fürsorge ist ehrlich. Trotzdem zeigt der Roman, wie unterschiedlich Liebe aussehen kann, wenn zwei Menschen mit völlig verschiedenen Erfahrungen von Sicherheit, Risiko und Zukunft aufgewachsen sind. Diese Ambivalenz macht die Geschichte für mich sooooo stark. Auch sprachlich hat mich der Roman begeistert. Ruth-Maria Thomas schreibt unglaublich nahbar und beobachtet den Alltag mit einer Präzision, die mich an Anne Freytag erinnert. Nichts wirkt überhöht, und doch steckt in vielen Sätzen eine enorme gesellschaftliche Wucht. Über das Ende möchte ich bewusst nichts verraten. Nur so viel: Ich saß am Schluss weinend da vor lauter Wut und Traurigkeit über die Ungerechtigkeiten des Lebens.
Fazit
Die zweitgrößte Liebe ist ein unglaublich kluger, fein beobachteter und emotional kraftvoller Roman über Liebe, Klassismus und die Frage, wie frei wir in unseren Entscheidungen wirklich sind. Für mich eine absolute Leseempfehlung und eines der Bücher, das mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird; und das ich in Zukunft sicher noch oft empfehlen werde.