Klassenunterschiede mit Herzschmerz-Garantie

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Nachdem mich das Debüt von Ruth-Maria Thomas, Die schönste Version, letztes Jahr so begeistert hat, war ich natürlich gespannt auf ihr nächstes Buch. Ich hatte nur gehört, dass es um Klassismus und den Kontrast von Ost- und Westdeutschland gehen soll, und habe mich ohne Klappentext auf die Story eingelassen.

Zum Cover muss ich zugeben, dass ich damit relativ wenig anfangen kann. Ich find die Farben zwar schön, aber verstehe nicht so ganz, warum man nur so wenig von der Person sieht und der Rest einfarbig lila ist. Bei Die schönste Version war es ja auch ein Bild von einer Frau, das fast vollständig verdeckt wurde, aber das hatte haptisch was von Farbe, die die Frau verdeckt, und wie eine Maske oder Schicht über ihr liegt.

Jetzt zur Handlung: Mishelle, oder Shelly, muss ihren Schmuckladen im Osten aufgeben und geht für einen kompletten Neuanfang nach Westdeutschland. Da arbeitet sie im Hotel, kommt grade so über die Runden – und lernt Henry kennen, für den Geld keine Rolle spielt.

Ihre unterschiedlichen sozialen Klassen werden in den verschiedensten Alltagssituationen sichtbar. In welche Restaurants man geht, was an Feiertagen gegessen wird, die Urlaubsplanung. Besonders eindrücklich fand ich die Szenen, wo Henry und Shelly „durchgerechnet“ haben, was sie auf dem Konto haben – und diese Dimensionen waren wirklich krass unterschiedlich, aber genau darum ging es ja.

Am Anfang habe ich mich mit der Story ehrlich gesagt noch etwas schwergetan, fand sie sperrig und wenig zu greifen. Michelles Beweggründe waren mir oft nicht klar und ich wusste zwischendurch auch gar nicht, in welcher Zeitebene wir uns befanden. Der Schreibstil der Autorin gefällt mir extrem gut, ich finde ihn sehr treffend und atmosphärisch – nur manche Stellen (besonders über Sex) fand ich sehr derb und vulgär, was mich immer wieder rausgeholt hat, weil es so anders als der sonstige Stil war.

Zum Ende hin muss ich sagen, dass es mir immer besser gefallen hat. Man ahnt worauf es hinaussteuert und es ist einfach schmerzhaft. Ich persönlich kann nicht nachvollziehen, warum die Charaktere sich schlussendlich so entschieden haben, wie sie es haben. Aber ich bin halt auch weder in Armut noch in Reichtum aufgewachsen und ich finde man merkt einfach, wie verstrickt in ihre Überzeugungen Henry und Michelle sind.

Wer Liebesgeschichten mit Happy End sucht, ist bei Ruth-Maria Thomas falsch. Sie schreibt gesellschaftskritische Romane voller feiner Beobachtungen und Realitätsnähe, deren offene Enden einen mit Herzschmerz zurücklassen.