Liebe, Geld und Selbstbestimmung

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nathalielamieux Avatar

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Ruth-Maria Thomas’ „Die schönste Version“ hat mir sehr gut gefallen. Entsprechend gespannt war ich auf ihren zweiten Roman. „Die zweitgrößte Liebe“ ist anders als das Debüt, aber für mich ein richtig guter Nachfolger – vielleicht weniger unmittelbar, dafür gesellschaftlich noch einmal interessanter.

Michelle ist 33, stammt aus der Lausitz und hat gerade den Traum vom eigenen Schmuckladen ziemlich unsanft begraben. In Hamburg arbeitet sie in einem Nobelhotel, als sie Henry kennenlernt. Henry ist reich, kommt aus einer völlig anderen Welt und verliebt sich in sie. Er holt Michelle aus ihrem prekären Alltag heraus, sie zieht zu ihm in die Luxuswohnung. Er möchte ihr sogar ermöglichen, ihren Schmuckladen wieder aufzubauen.
Und damit beginnt das eigentliche Problem. Denn was zunächst wie ein modernes Aschenputtel-Märchen aussieht, wird bei Ruth-Maria Thomas schnell zur Frage: Was passiert mit der eigenen Selbstbestimmung, wenn jemand anderes einem all das ermöglichen kann, was man sich selbst nicht leisten konnte?
Michelle hat ihr ganzes Leben lang gelernt, mit wenig auszukommen. Essen war manchmal eine Rechenaufgabe, Geld nie selbstverständlich. Henry dagegen kennt diese Welt nicht. Er hat Geld, Sicherheit und Möglichkeiten – und kann deshalb auch großzügig sein. Genau darin liegt aber die Ambivalenz ihrer Beziehung. Ist seine Unterstützung wirklich Befreiung? Oder macht sie Michelle abhängig von einer Welt, die nicht ihre ist?

Besonders stark finde ich, wie Thomas "Klasse" erzählt. Nicht über große gesellschaftspolitische Erklärungen, sondern über Dinge, die im Alltag fast beiläufig passieren: Geld, Essen, Wohnen, Arbeit, Bildung, Besitz. Michelle bringt ihre Herkunft aus prekären Verhältnissen mit in diese Beziehung. Sie kann sie nicht einfach ablegen, nur weil sie plötzlich in einer Luxuswohnung lebt. Und Henry kann seine privilegierte Herkunft ebenso wenig ablegen.

Dazu kommt die ostdeutsche Perspektive. Michelle kommt aus der Lausitz, Henry aus einer wohlhabenden westdeutschen Welt. Thomas macht daraus aber keinen Roman über „Ost gegen West“. Vielmehr zeigt sie, wie unterschiedlich die Voraussetzungen sein können, mit denen zwei Menschen in eine Beziehung gehen. Michelle musste sich vieles selbst erarbeiten; Henry musste über grundlegende finanzielle Sicherheit nie nachdenken.
Und dann ist da natürlich die Liebe. Denn das Schöne an diesem Roman ist, dass Henry eben nicht einfach der reiche Bösewicht ist. Michelle liebt ihn. Und er liebt sie. Gerade deshalb wird es so kompliziert. Sie muss sich fragen, ob sie mit Henry tatsächlich das Leben gefunden hat, das sie möchte – oder ob sie in seinem Leben nur die Rolle der schönen, geretteten Frau spielt. Selbst ihr Bruder bezeichnet sie irgendwann als „trophy wife“.

Ruth-Maria Thomas erzählt das mit einer Sprache, die wieder sehr direkt, körperlich und manchmal vulgär ist. Das passt zu Michelle, die sich nichts schönredet und auch sprachlich nicht versucht, jemand anderes zu sein.
„Die zweitgrößte Liebe“ ist für mich deshalb vor allem ein Roman über die schwierige Grenze zwischen Liebe und Abhängigkeit, zwischen Sicherheit und Selbstbestimmung. Und über die Erkenntnis, dass soziale Herkunft nicht einfach verschwindet, nur weil man die Wohnung, die Stadt oder den Kontostand wechselt.

Ich mochte „Die schönste Version“ noch ein kleines bisschen mehr. Aber dieser zweite Roman zeigt, dass Ruth-Maria Thomas nicht einfach ihr erfolgreiches Debüt wiederholt. Sie geht einen Schritt weiter – und schreibt eine Liebesgeschichte, in der die Frage nach Klasse, Herkunft und dem eigenen Leben immer mit am Tisch sitzt.