Liebe überwindet nicht alle Schranken

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Schon „Die schönste Version“, den ersten Roman von Ruth-Maria Thomas, fand ich großartig. Mit „Die zweitgrößte Liebe“ hat sie mich erneut begeistert – und gleichzeitig ziemlich mitgenommen. Denn hinter dem Titel verbirgt sich keine romantische Liebesgeschichte mit Happy End, sondern die schmerzhafte Geschichte einer Liebe, die trotz aller Gefühle keine gemeinsame Zukunft findet.

Michelle und Henry lieben sich, kommen aber aus völlig unterschiedlichen Welten. Während für Henry finanzielle Sicherheit selbstverständlich ist, musste Michelle sich vieles selbst erkämpfen. Als sich ihr die Chance bietet, beruflich aufzusteigen, möchte sie diese nutzen und sich aus eigener Kraft eine Zukunft aufbauen. Henry glaubt hingegen, eine bessere Lösung für sie gefunden zu haben: Er will ihr eine erneute Selbstständigkeit finanzieren und damit auch mehr gemeinsame Zeit ermöglichen. Dass Michelle einen ganz anderen Weg einschlagen möchte, versteht er nicht. Ohne ihre Zustimmung leitet er bereits alles in die Wege. Was großzügig gemeint sein mag, ist bevormundend – und zeigt, wie sehr Henrys finanzielle Möglichkeiten seinen Blick auf Michelles Wünsche verstellen. Er möchte ihr helfen, nimmt ihr dabei aber ausgerechnet die Selbstbestimmung, um die sie kämpft.

Gerade das macht diese Beziehung so schmerzhaft: Die Liebe ist da, aber sie allein reicht nicht. Herkunft, Geld und unterschiedliche Lebenserfahrungen prägen, was beide für möglich halten und was sie voneinander erwarten.

Ruth-Maria Thomas zeigt eindringlich, dass Geld zwar Sicherheit geben kann und Möglichkeiten schafft, aber nicht automatisch glücklich macht. Und dass sich die Unterschiede zwischen zwei Lebenswelten nicht einfach durch Liebe auflösen lassen.
Ihre Sprache ist präzise, dicht und emotional, ohne die Figuren zu vereinfachen oder es sich mit Schuldzuweisungen leicht zu machen. Ich war von diesem Roman absolut begeistert, auch wenn er mich traurig zurückgelassen hat. Nach „Die schönste Version“ hat Ruth-Maria Thomas mich ein weiteres Mal überzeugt. Ihr nächstes Buch würde ich lesen, ohne vorher wissen zu müssen, worum es geht.