Männliche patriarchale Prägung

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marieon Avatar

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Michelle warf einen Blick in die Bar, innen an der Scheibe ein feuchter Schmierfilm, in dem sich ihr Gesicht verzerrt spiegelte. Sie sah einen freien Hocker an der Theke und dann ein hübsches Augenpaar, das in ihres blickte. Sie drehte sich um, entnahm ihrer Tasche eine Schachtel Marlboro Gold, die die Gäste liegen gelassen hatten. In den dunklen Tiefen raschelte die Alufolie mit den Essensresten, die sie auf dem Flur von den Servierwagen mitgehen ließ. Jemand räusperte sich hinter ihr. Sie drehte sich um und sah in die immer noch hübschen Augen. Ob sie für ihn auch eine Zigarette habe? Klar! Sie gab ihm Feuer, er inhalierte und hustete. Anfänger! Ein zähes Gespräch entstand. Er verunsicherte sie mit seinem Reiter-auf-Pferd-Emblem auf der Brust und der teuren Uhr, seiner offenen Zugewandtheit. Sie wollte es ihm gleichtun, gierte nach einer Gelegenheit. Ob sie noch etwas vorhabe? Ja klar, nach Hause gehen, saure Apfelringe essen und masturbieren. Wieder hustete er. Oh toll, schön, ähm, ob er ihre Telefonnummer haben dürfe? Nein. Sie holte ihr Handy raus, entsperrte. Du kannst mir deine geben.

Wenige Wochen zuvor hatte sie ihren Schmuckladen ausgeräumt, Lara entlassen, geweint, getrunken, geflucht. Die Pandemie hatte ihr den Rest gegeben. Sie hat ein letztes Mal den Schlüssel umgedreht, sich auf ihre Vespa gesetzt und ist kilometerweit in den Westen gefahren. Jetzt sitzt sie in ihrem teuren zwanzig Quadratmeter Appartement und vermisst ihren Bruder und ihre Mutter. Die Kolleginnen im Hotel haben sie freundlich aufgenommen, dennoch fühlt sie sich fremd und einsam.

Fazit: Die Sozialarbeiterin und Autorin Ruth-Maria Thomas hat in ihrem zweiten Roman eine Liebesbeziehung erzählt, aber die Geschichte greift noch tiefer. Ihre Protagonistin zieht nach ihrer Geschäftsaufgabe verschuldet aus dem Osten Deutschlands in den Westen. Sie hat ihre Mutter längst an eine Krankheit verloren und fühlt sich für den studierenden Bruder verantwortlich. In der großen Stadt lernt sie Henry kennen, einen liebenswerten Mann ihres Alters, der in der finanziellen Sicherheit, die seine Familie ihm bietet, ein etwas eintöniges Leben führt. Er bewundert die flippige Michelle, die ihn zu neuem Leben erweckt. Ab dem zweiten Jahr ihrer Liebe werden die beiden sich ihrer Klassenunterschiede bewusst. Während Henry von Liebe quatscht, offenbart sich seine Selbstbezogenheit. Er vergrößert seinen Druck auf Michelle, damit sie ihrem vermeintlichen Herzenswunsch folgt. Was mir an diesem Roman so gut gefällt ist, dass Henry ein ganz normaler Typ ist, klug genug, seine Gefühlslage zu analysieren und doch zeigt sich, wie patriarchal er geprägt ist. Michelle hat die Wahl, sich seinen Annehmlichkeiten zu unterstellen und abhängig zu werden oder integer zu bleiben. Der schmale Grat zwischen Selbstverleugnung und Selbstloyalität ist großartig herausgearbeitet. Während sie in ihrem ersten Buch (Die schönste Version) noch die weibliche Selbstermächtigung in einer brutalen Beziehung zeigte, bekommt man hier einen tiefen Einblick in die Tücken einer erwachsenen Beziehung zwischen zwei Menschen, die Welten trennen. Am Ende habe ich mich gefragt, wie ich mich entschieden hätte. Eine auf den ersten Blick harmlos daherkommende Geschichte, die auf den zweiten tief blicken lässt. Eine ganz und gar fesselnde Lektüre.