Money money money / must be funny / in a rich man's world
Geld, Armut, Reichtum, Besitz, Erben, Klassismus - das sind alles Themen, die zu kurz kommen in der Literatur. Oder die gar keine Rolle spielen. Dass das in Ruth-Maria Thomas' Roman "Die zweitgrößte Liebe" anders sein würde, wusste ich schon vor der Lektüre und hatte deshalb hohe Erwartungen. Vielleicht zu hohe, denn jetzt nach dem Lesen bin ich ein wenig ratlos und frage mich, was ich von dem Roman halten soll.
Zum Inhalt: Es geht um Michelle, um die 30, gelernte Keramikerin und Freundin von Jella, Protagonistin aus Thomas' Debut "Die schönste Version". Als die beiden in einer Stadt in Ostdeutschland Teile ihrer Jugend zusammen verbrachten, hieß Michelle noch Mishelle, genannt Shelley. Was für eine coole Idee, eine Figur aus einem Roman einfach in einem anderen Roman weiterleben zu lassen! Allein für diesen Einfall danke ich der Autorin. Insgesamt scheint mir Michelle auch eine interessante Figur zu sein: eine Macherin, eine, die sich aufrappelt. Aufgewachsen bei einer alleinerziehenden Mutter und mit kleinem Bruder, um den sie sich kümmern muss, bricht sie nach der zehnten Klasse die Schule ab, macht eine Ausbildung zur Keramikerin und ist schließlich mit einem Schmuckgeschäft selbständig.
Der Roman setzt ein, als Michelle nach der Insolvenz des Ladens in eine größere Stadt in Westdeutschland (HH?) zieht und dort in einem Hotel arbeitet. Sie lebt in finanziell prekären Verhältnissen, verdient wenig, ächzt unter der hohen Miete und den Schulden, die sie belasten. Dann lernt sie Henry kennen (eigentlich Paul Heinrich; auch er hat seinen Namen geändert) und die beiden verlieben sich. Soweit, so gut.
Eigentlich eine super Beziehung: Henry scheint feinfühlig, interessiert und er bemüht sich extrem um Michelle - stellenweise wirkte der Roman übertrieben rosarot und kitschig und ich hab mich beim Lesen häufig gefragt: Warum das alles? Warum diese Ausführlichkeit - hätte nicht gekürzt werden können?
Jedenfalls: Henry ist reich, seine Eltern sind reich, er hat geerbt, verdient gut, wohnt in einer Eigentumswohnung, ist großzügig, hat Therapieerfahrung und scheint sehr an Michelle zu hängen. Er will sie unterstützen und wünscht sich, dass sie ihre Arbeit als Schmuckgestalterin wieder aufnimmt.
Was das Problem daran für Michelle ist, erschließt sich mir nicht so richtig. Offensichtlich hat sie den Eindruck, sie passe nicht in Henrys Welt, dies wird zumindest einmal gegen Ende angedeutet. Woran sie dies festmacht oder was sie genau stört, wird nicht deutlich. Und sie will sich finanziell nicht von ihm abhängig machen. Fair enough. Aber deshalb das Ende?
Henry bleibt relativ blass für mich. Er scheint an Michelle zu mögen, dass es keine Langeweile mit ihr gibt: "Mit Michelle an seiner Seite würde er keine Zukunft in Langeweile vor sich liegen haben. Über ihre Abgründe kam er seinen eigenen ein Stück näher. Er konnte sich gruseln, fand Trost in der Art, wie sie die Dinge in die Hand nahm, ihre Ehrlichkeit machte ihm Angst und Mut. Mit ihr zusammen konnte er sich vorstellen, sich dem Leben zu stellen..." - Und ohne sie nicht? Vielleicht sollte er doch noch mal Therapie machen?
Ganz gut finde ich den Titel: Wenn diese sehr innige, manchmal ins Kitschige abdriftende Beziehung zwischen H & M nur die "zweitgrößte Liebe" ist, drängt sich natürlich die Frage auf: Und welche ist die größte? Die Liebe zu sich selbst, zum Geld, zu Eigenständigkeit, Unabhängigkeit oder anderen Werten? Dass man als Leserin hier ins Nachdenken kommt, ist aus meiner Sicht ein gutes Zeichen.
Nicht schlecht finde ich auch das Ende - möchte nicht spoilern, aber es ist schon ein Ende, bei dem man sich fragen kann: Hätte Michelle vielleicht auch anders reagieren können? Wie bewerte ich ihr Verhalten? Und hätte es nicht Kompromisse gegeben, die Henry ihr hätte anbieten können?
Also alles in allem: Pluspunkte für Titel, Ende und den Versuch, das Thema Armut vs. Reichtum literarisch zu verarbeiten. Auf der anderen Seite: in weiten Teilen ist der Text zu langatmig, kitschig und scheint wenig realistisch. Für mich wirken der Roman insgesamt und die Probleme von Henry und Michelle wenig authentisch, eher leicht konstruiert. Dass soziale Ungleichheit in der Literatur verhandelt wird, ist aus meiner Sicht sinnvoll und wichtig - aber es hätte vielleicht auf eine etwas plausiblere Art und Weise geschehen sollen. Ich glaube, Freund*innen, die zu diesem Thema etwas lesen wollen, würde ich eher Didier Eribons "Rückkehr nach Reims" empfehlen.
Zum Inhalt: Es geht um Michelle, um die 30, gelernte Keramikerin und Freundin von Jella, Protagonistin aus Thomas' Debut "Die schönste Version". Als die beiden in einer Stadt in Ostdeutschland Teile ihrer Jugend zusammen verbrachten, hieß Michelle noch Mishelle, genannt Shelley. Was für eine coole Idee, eine Figur aus einem Roman einfach in einem anderen Roman weiterleben zu lassen! Allein für diesen Einfall danke ich der Autorin. Insgesamt scheint mir Michelle auch eine interessante Figur zu sein: eine Macherin, eine, die sich aufrappelt. Aufgewachsen bei einer alleinerziehenden Mutter und mit kleinem Bruder, um den sie sich kümmern muss, bricht sie nach der zehnten Klasse die Schule ab, macht eine Ausbildung zur Keramikerin und ist schließlich mit einem Schmuckgeschäft selbständig.
Der Roman setzt ein, als Michelle nach der Insolvenz des Ladens in eine größere Stadt in Westdeutschland (HH?) zieht und dort in einem Hotel arbeitet. Sie lebt in finanziell prekären Verhältnissen, verdient wenig, ächzt unter der hohen Miete und den Schulden, die sie belasten. Dann lernt sie Henry kennen (eigentlich Paul Heinrich; auch er hat seinen Namen geändert) und die beiden verlieben sich. Soweit, so gut.
Eigentlich eine super Beziehung: Henry scheint feinfühlig, interessiert und er bemüht sich extrem um Michelle - stellenweise wirkte der Roman übertrieben rosarot und kitschig und ich hab mich beim Lesen häufig gefragt: Warum das alles? Warum diese Ausführlichkeit - hätte nicht gekürzt werden können?
Jedenfalls: Henry ist reich, seine Eltern sind reich, er hat geerbt, verdient gut, wohnt in einer Eigentumswohnung, ist großzügig, hat Therapieerfahrung und scheint sehr an Michelle zu hängen. Er will sie unterstützen und wünscht sich, dass sie ihre Arbeit als Schmuckgestalterin wieder aufnimmt.
Was das Problem daran für Michelle ist, erschließt sich mir nicht so richtig. Offensichtlich hat sie den Eindruck, sie passe nicht in Henrys Welt, dies wird zumindest einmal gegen Ende angedeutet. Woran sie dies festmacht oder was sie genau stört, wird nicht deutlich. Und sie will sich finanziell nicht von ihm abhängig machen. Fair enough. Aber deshalb das Ende?
Henry bleibt relativ blass für mich. Er scheint an Michelle zu mögen, dass es keine Langeweile mit ihr gibt: "Mit Michelle an seiner Seite würde er keine Zukunft in Langeweile vor sich liegen haben. Über ihre Abgründe kam er seinen eigenen ein Stück näher. Er konnte sich gruseln, fand Trost in der Art, wie sie die Dinge in die Hand nahm, ihre Ehrlichkeit machte ihm Angst und Mut. Mit ihr zusammen konnte er sich vorstellen, sich dem Leben zu stellen..." - Und ohne sie nicht? Vielleicht sollte er doch noch mal Therapie machen?
Ganz gut finde ich den Titel: Wenn diese sehr innige, manchmal ins Kitschige abdriftende Beziehung zwischen H & M nur die "zweitgrößte Liebe" ist, drängt sich natürlich die Frage auf: Und welche ist die größte? Die Liebe zu sich selbst, zum Geld, zu Eigenständigkeit, Unabhängigkeit oder anderen Werten? Dass man als Leserin hier ins Nachdenken kommt, ist aus meiner Sicht ein gutes Zeichen.
Nicht schlecht finde ich auch das Ende - möchte nicht spoilern, aber es ist schon ein Ende, bei dem man sich fragen kann: Hätte Michelle vielleicht auch anders reagieren können? Wie bewerte ich ihr Verhalten? Und hätte es nicht Kompromisse gegeben, die Henry ihr hätte anbieten können?
Also alles in allem: Pluspunkte für Titel, Ende und den Versuch, das Thema Armut vs. Reichtum literarisch zu verarbeiten. Auf der anderen Seite: in weiten Teilen ist der Text zu langatmig, kitschig und scheint wenig realistisch. Für mich wirken der Roman insgesamt und die Probleme von Henry und Michelle wenig authentisch, eher leicht konstruiert. Dass soziale Ungleichheit in der Literatur verhandelt wird, ist aus meiner Sicht sinnvoll und wichtig - aber es hätte vielleicht auf eine etwas plausiblere Art und Weise geschehen sollen. Ich glaube, Freund*innen, die zu diesem Thema etwas lesen wollen, würde ich eher Didier Eribons "Rückkehr nach Reims" empfehlen.