Muss die Liebe an sozialen Unterschieden scheitern?
Ich habe das Hörbuch zum Buch "Die zweitgrößte Liebe" von Ruth-Maria Thomas, sehr einfühlsam und differenziert gesprochen von Lili Zahavi, vor kurzem fertig gehört und bin auch jetzt, nach mehreren Tagen Abstand, noch tief bewegt, wenn ich daran denke.
Ich glaube, ich habe noch nie so eine berührende, im Grunde tieftraurige und dabei so authentische Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen aus unterschiedlichen Sozialmilieus, die sich doch eigentlich so sehr lieben und zwischen denen dabei aber so viele Trennendes steht, gehört oder gelesen. Die meisten Liebesromane tendieren dazu, eher seicht, unrealistisch und überromantisch zu sein. Dieser gar nicht!
Ich habe mich schon viel mit sozialen Unterschieden aus psychologischer und soziologischer Sicht befasst und auch die Autorin, die neben dem Schreiben auch gelernte Sozialarbeiterin ist, hat offensichtlich ganz viel Ahnung von diesem Thema. Hier ist ihr das große Kunststück gelungen, all ihr Wissen über verschiedene soziale Milieus und die damit verbundenen Unterschiede in Denken, Fühlen, Auftreten, Erfahrungen, Kommunikation, Sehnsüchten, Ängsten, Werten, Lebenszielen und noch so vielem mehr in einen absolut packenden Roman einzubauen, der überhaupt nicht akademisch oder sachbuchartig wirkt, doch wie nebenbei alle Lesenden, die hinschauen möchten, tief für soziale Unterschiede sensibilisiert.
Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt, war die ganze Zeit tief emotional verbunden mit den beiden Hauptfiguren, hab mit ihnen gehofft und gebangt, ihre wachsende Beziehung miterlebt, dabei viel nachgedacht und gelernt.
Worum geht es?
Um Michelle, eigentlich Mishelle (die Mutter kannte bei der Eintragung des Namens die richtige Schreibweise nicht), arm bei einer alleinerziehenden Mutter im Osten von Deutschland aufgewachsen. Die die Kreativität liebt und einen eigenen Kunsthandwerksladen hatte, doch Corona und weitere Krisen haben dazu geführt, dass sie diesen nicht mehr gewinnbringend betreiben konnte und ihn mit Schulden schließen musste. Nun arbeitet sie im Servicebereich eines gehobenen Hotels, mehrere hundert Kilometer entfernt, in einem der "alten" Bundesländer. In diesem Hotel lernt sie auch Henry kennen, die zweite Hauptfigur des Romans. Henry heißt eigentlich Paul-Heinrich, ist der Sohn einer sehr wohlhabenden Familie mit erfolgreichen Eltern, die er in seiner Kindheit aber wenig zu Gesicht bekommen hat und viel von Au-Pairs betreut wurde, wobei er sich sehr einsam fühlte.
Die beiden lernen sich also kennen und verlieben sich ineinander: Henry fühlt sich angezogen von Michelles natürlich-offener Art, ihrer unverblümten Sprache und ihrer Direktheit, während Michelle sich bei ihm sicher und geborgen fühlt und seine Sensibilität schätzt.
Doch je besser sie sich kennen lernen, desto mehr zeigen sich die tiefgehenden Unterschiede in ihrer Prägung und den damit verbundenen Wünschen, Zielen und Lebensvorstellungen: Michelle ist es gewohnt, zu kämpfen, um durchzukommen: als sie zu einem tödlichen Autounfall kommt, zieht sie der Sterbenden den Ehering vom Finger, als Kompensation für das eigene erlittene Trauma durch das Erlebnis und als Sicherheit. Als sie Henry davon erzählt, ist er entsetzt. So etwas würde er nie tun! Braucht er aber auch nicht, denn durch das Vermögen seiner Familie ist er schon von Kindheit an bestens abgesichert.
Dreisten Gästen spuckt Michelle heimlich in die Getränke. Ihre Wortwahl ist so direkt, dass sie manchmal fast schon ordinär wirkt, insbesondere auf Henrys gehobenes Umfeld. Und sie war immer schon gewohnt, für sich selbst zu sorgen und kann sich nicht vorstellen, die klassisch-konservative Rolle einer unterstützten Ehefrau an Henrys Seite einzugehen.
Liebeswürdige Seiten hat sie auch eine Menge, doch die zeigen sich erst bei näherem Hinsehen und wenn sie sich sicher fühlt. Henry hingegen ist zwar sehr sensibel, doch wirklich nachfühlen kann er Michelles Existenzängste nicht und er versteht auch nicht, warum sie den sicheren Hafen, den er ihr doch so gerne großzügig anbieten möchte, nicht einfach annehmen kann und damit alle Probleme erledigt seien.
Die beiden lieben sich sehr und kämpfen um ihre Liebe, das ist spürbar, und doch drohen die extremen Unterschiede in sozialem Hintergrund, Sozialisation und Vermögen, aber auch die unterschiedlichen Umfelder, sie auseinanderzureißen.
Das Hörbuch bzw. Buch ist extrem gut erzählt. Beide Figuren sowie deren Umfelder und die daraus resultierenden Prägungen sind tiefgründig und authentisch gezeichnet, jedes Wort sitzt. Die Autorin Ruth-Maria Thomas ist für mich ein ganz außergewöhnliches Talent nicht nur im Schreiben, sondern auch im Fühlbar-Machen psychologischer Feinheiten und sozialer Unterschiede.
Dieses Buch ist eines meiner Jahreshighlights, ich werde mir demnächst auch den mir bisher unbekannten Debütroman der Autorin besorgen und freue mich schon auf weitere Werke von ihr! Absolute Empfehlung für alle, die sich für Psychologie, Soziologie und soziale Unterschiede, aber auch für jene, die sich einfach nur für richtig gute Literatur interessieren!
Ich glaube, ich habe noch nie so eine berührende, im Grunde tieftraurige und dabei so authentische Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen aus unterschiedlichen Sozialmilieus, die sich doch eigentlich so sehr lieben und zwischen denen dabei aber so viele Trennendes steht, gehört oder gelesen. Die meisten Liebesromane tendieren dazu, eher seicht, unrealistisch und überromantisch zu sein. Dieser gar nicht!
Ich habe mich schon viel mit sozialen Unterschieden aus psychologischer und soziologischer Sicht befasst und auch die Autorin, die neben dem Schreiben auch gelernte Sozialarbeiterin ist, hat offensichtlich ganz viel Ahnung von diesem Thema. Hier ist ihr das große Kunststück gelungen, all ihr Wissen über verschiedene soziale Milieus und die damit verbundenen Unterschiede in Denken, Fühlen, Auftreten, Erfahrungen, Kommunikation, Sehnsüchten, Ängsten, Werten, Lebenszielen und noch so vielem mehr in einen absolut packenden Roman einzubauen, der überhaupt nicht akademisch oder sachbuchartig wirkt, doch wie nebenbei alle Lesenden, die hinschauen möchten, tief für soziale Unterschiede sensibilisiert.
Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt, war die ganze Zeit tief emotional verbunden mit den beiden Hauptfiguren, hab mit ihnen gehofft und gebangt, ihre wachsende Beziehung miterlebt, dabei viel nachgedacht und gelernt.
Worum geht es?
Um Michelle, eigentlich Mishelle (die Mutter kannte bei der Eintragung des Namens die richtige Schreibweise nicht), arm bei einer alleinerziehenden Mutter im Osten von Deutschland aufgewachsen. Die die Kreativität liebt und einen eigenen Kunsthandwerksladen hatte, doch Corona und weitere Krisen haben dazu geführt, dass sie diesen nicht mehr gewinnbringend betreiben konnte und ihn mit Schulden schließen musste. Nun arbeitet sie im Servicebereich eines gehobenen Hotels, mehrere hundert Kilometer entfernt, in einem der "alten" Bundesländer. In diesem Hotel lernt sie auch Henry kennen, die zweite Hauptfigur des Romans. Henry heißt eigentlich Paul-Heinrich, ist der Sohn einer sehr wohlhabenden Familie mit erfolgreichen Eltern, die er in seiner Kindheit aber wenig zu Gesicht bekommen hat und viel von Au-Pairs betreut wurde, wobei er sich sehr einsam fühlte.
Die beiden lernen sich also kennen und verlieben sich ineinander: Henry fühlt sich angezogen von Michelles natürlich-offener Art, ihrer unverblümten Sprache und ihrer Direktheit, während Michelle sich bei ihm sicher und geborgen fühlt und seine Sensibilität schätzt.
Doch je besser sie sich kennen lernen, desto mehr zeigen sich die tiefgehenden Unterschiede in ihrer Prägung und den damit verbundenen Wünschen, Zielen und Lebensvorstellungen: Michelle ist es gewohnt, zu kämpfen, um durchzukommen: als sie zu einem tödlichen Autounfall kommt, zieht sie der Sterbenden den Ehering vom Finger, als Kompensation für das eigene erlittene Trauma durch das Erlebnis und als Sicherheit. Als sie Henry davon erzählt, ist er entsetzt. So etwas würde er nie tun! Braucht er aber auch nicht, denn durch das Vermögen seiner Familie ist er schon von Kindheit an bestens abgesichert.
Dreisten Gästen spuckt Michelle heimlich in die Getränke. Ihre Wortwahl ist so direkt, dass sie manchmal fast schon ordinär wirkt, insbesondere auf Henrys gehobenes Umfeld. Und sie war immer schon gewohnt, für sich selbst zu sorgen und kann sich nicht vorstellen, die klassisch-konservative Rolle einer unterstützten Ehefrau an Henrys Seite einzugehen.
Liebeswürdige Seiten hat sie auch eine Menge, doch die zeigen sich erst bei näherem Hinsehen und wenn sie sich sicher fühlt. Henry hingegen ist zwar sehr sensibel, doch wirklich nachfühlen kann er Michelles Existenzängste nicht und er versteht auch nicht, warum sie den sicheren Hafen, den er ihr doch so gerne großzügig anbieten möchte, nicht einfach annehmen kann und damit alle Probleme erledigt seien.
Die beiden lieben sich sehr und kämpfen um ihre Liebe, das ist spürbar, und doch drohen die extremen Unterschiede in sozialem Hintergrund, Sozialisation und Vermögen, aber auch die unterschiedlichen Umfelder, sie auseinanderzureißen.
Das Hörbuch bzw. Buch ist extrem gut erzählt. Beide Figuren sowie deren Umfelder und die daraus resultierenden Prägungen sind tiefgründig und authentisch gezeichnet, jedes Wort sitzt. Die Autorin Ruth-Maria Thomas ist für mich ein ganz außergewöhnliches Talent nicht nur im Schreiben, sondern auch im Fühlbar-Machen psychologischer Feinheiten und sozialer Unterschiede.
Dieses Buch ist eines meiner Jahreshighlights, ich werde mir demnächst auch den mir bisher unbekannten Debütroman der Autorin besorgen und freue mich schon auf weitere Werke von ihr! Absolute Empfehlung für alle, die sich für Psychologie, Soziologie und soziale Unterschiede, aber auch für jene, die sich einfach nur für richtig gute Literatur interessieren!