Sehr, sehr stimmig

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merkurina Avatar

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Der Roman beginnt mit dem Ende. Insofern weiß man von Beginn an, dass Michelle Henry verlassen wird. Nach diesem Einstieg erfahren wir dann, wie die beiden sich kennenlernen und wie sie mehr und mehr zusammenwachsen.

Dass die Beziehung immer intensiver und eindeutiger wird, macht der ostdeutschen Michelle, Tochter einer früh verstorbenen alleinerziehenden Mutter, mehr Angst als Henry aus der wohlhabenden hanseatischen Familie, denn sie ist in der sozial deutlich schwächeren Position: Schulden statt gutem Einkommen, viel schlechtere Wohnverhältnisse, geringerer Bildungsstand, kein Erbe in Aussicht.

Obwohl das Ende bekannt ist, entwickelt sich die Geschichte absolut spannend. Man spürt die inneren Widerstände und den Versuch, sie zu überwinden. Man spürt Liebe und den großen Sprung, den es braucht zu vertrauen.

Es ist fast ein Kammerspiel - tatsächlich beginnt die Geschichte Fahrt aufzunehmen in der ärmlichen Dachkammer, in der Michelle lebt -, denn der ganze Roman fokussiert auf die Entwicklung zwischen Michelle und Henry. Weitere Personen illustrieren das soziale Gefüge, greifen aber nicht wirklich ein. Was passiert, passiert zwischen zwei Personen, die sich verliebt haben und von denen eine ökonomisch und die andere psychisch am Abgrund steht.

Ich finde den Roman ganz großartig erzählt, da mir alles psychologisch so stimmig eingefangen vorkommt. Trotz des bekannten Ausgangs ist das überaus spannend, da ja die Protagonist:innen nach einer Lösung suchen, dann wieder die Widersprüche über-leben, dem Tag und der Liebe ihre Rechte zu kommen lassen, sei es um die soziale Ungleichheit bestellt, wie es wolle.

Für mich ist letztlich eindeutig, dass Henry einen blinden Fleck hat, dass seine Großzügigkeit nicht vollständig ist. Ich vermute fast, dass dies unterschiedliche Beurteilungen bei den Leser:innen findet.

Was ist denn dann eigentlich die größte Liebe, frage ich mich zum Schluß? Die zu sich selbst? Oder etwa zum Geld? Zum jeweiligen Erbe - sei es ein materielles oder immaterielles?


Jedenfalls: Riesige Leseempfehlung und ich freue mich jetzt auf "Die schönste Version", weil ich das noch nicht kenne, mir jetzt aber viel verspreche.