Sind wir für das Glück eines anderen Menschen verantwortlich?

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Ich habe mich sehr auf Die zweitgrößte Liebe gefreut, weil ich bereits Ruth-Maria Thomas’ Debüt Die schönste Version sehr mochte. Das hatte ich allerdings als Hörbuch gehört. Bei Die zweitgrößte Liebe hat mir nun besonders gefallen, wie fein und gleichzeitig direkt Thomas schreibt. Es hat richtig Spaß gemacht, den Roman physisch zu lesen und mich in diese Sprache fallen zu lassen.
Die Geschichte beginnt mit einem Cliffhanger und springt dann zwei Jahre zurück. Man weiß nicht, wann das Ereignis vom Anfang eintreten wird und genau das hat für mich von Beginn an eine besondere Spannung erzeugt. Die Geschichte bekommt dadurch einen richtigen Drive, obwohl sie sich gleichzeitig viel Raum für ihre Figuren und deren Gedanken nimmt.
Im Mittelpunkt steht Michelle, die aus ihrem bisherigen Leben in einer ostdeutschen Stadt ausbricht und versucht, irgendwo anders neu anzufangen. Dann trifft sie auf Henry, der aus einer völlig anderen Welt zu kommen scheint. Aus dieser Begegnung entwickelt sich eine Beziehung, die liebevoll und gleichzeitig schmerzhaft ist. Thomas erzählt dabei aus den Perspektiven beider Figuren, wobei Michelles Sicht anfangs stärker im Vordergrund steht. Dadurch habe ich ihr Misstrauen gegenüber Henry zunächst selbst sehr stark gespürt. Ich konnte die Gedanken und Gefühle beider Protagonist*innen gut nachvollziehen, auch wenn ich nicht jede ihrer Schlussfolgerungen oder Entscheidungen richtig fand.

Besonders spannend fand ich die Fragen, die der Roman rund um Liebe, Herkunft und Klasse aufwirft: Kann und sollte man seine Herkunft hinter sich lassen? Wie stark prägt uns das Milieu, aus dem wir kommen, auch wenn wir versuchen, uns davon zu lösen? Wie sehr sollte man sich aufeinander einlassen, wie viel muss man geben und wie viel darf man sich nehmen? Sind wir für das Glück eines anderen Menschen verantwortlich? Und was brauchen wir, um uns in einer Beziehung wirklich sicher zu fühlen?
Gerade die Klassenunterschiede fand ich sehr interessant erzählt, weil sie nicht nur als Hintergrund der Geschichte existieren, sondern die Beziehung und die Wahrnehmung der Figuren voneinander mitbestimmen. Das Buch hat mich dadurch auch dazu gebracht, meine eigenen Privilegien noch einmal zu hinterfragen.
In der Literaturkritik wurde zuletzt immer wieder darüber diskutiert, ob und wie Autor*innen über Lebensrealitäten, Biografien und soziale Klassen schreiben können, die sie nicht selbst erlebt haben. Ich finde, Ruth-Maria Thomas schafft hier ein sehr interessantes Spannungsfeld. Durch ihre Arbeit als Sozialarbeiterin bringt sie Erfahrungen mit unterschiedlichen Milieus mit, die sie einfließen lässt, ohne in einer Klischee-Ecke zu bleiben. Ich bin dankbar, dass sie mir diese Perspektive eröffnet hat.
Das Buch hat mich aufgewühlt und noch nach dem Lesen beschäftigt. Es fiel mir schwer, direkt wieder ein neues Buch in die Hand zu nehmen.
Und obwohl ich Die schönste Version schon mochte, habe ich durch Die zweitgrößte Liebe jetzt sogar Lust bekommen, das Debüt noch einmal zu lesen. Ich freue mich auf hoffentlich noch viele weitere Romane von Ruth-Maria Thomas.