Über Liebe und Klassengrenzen: herausragend erzählt!

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Was für ein Roman, der mich atemlos, nachdenklich, wütend, berührt und traurig zurücklässt! Aber von vorn: Mishelle, intelligent, talentiert, schlagfertig, selbstbewusst, attraktiv, stammt aus der Lausitz, und verlässt nach dem Scheitern ihres Schmuckladens mit Anfang 30 und einem Haufen Schulden ihre Heimat um in Norddeutschland als Servicekraft in einem Nobelhotel neu anzufangen und finanziell wieder auf die Beine zu kommen. Dort läuft sie eines Abends nach Schichtende in der Bar dem attraktiven Henry über den Weg, ein kurzer Plausch über eine Zigarettenlänge - dies reicht für die Biochemie zwischen beiden ihre Wirkung zu entfalten. Schnell wird klar, dass Henry in einer Welt lebt, in die Mishelle lediglich über Hotelgäste Einblicke hat, die ihrer eigenen Erfahrung jedoch völlig fremd ist. Kurz: Für Mishelle haben viele ihrer Probleme mit Geld zu tun, während Henry nie über Geld nachdenken muss.Doch trotz aller Unterschiede verlieben sich die beiden und damit beginnt etwas Schönes und sehr Anstrengendes und Kompliziertes zugleich.

Der Mangel, der tägliche Kampf um die Existenz seit ihrer Kindheit und die gesellschaftliche Abwertung aufgrund ihrer Herkunft haben sich tief in Mishelles Biografie, ihre Sozialisation und damit letztlich ihr Selbst eingeschrieben. Es ist eine Lebenswelt von der Menschen wie Henry vermutlich nicht einmal ahnen, dass sie existiert und wie diese Menschen prägt. Wie fühlt es sich an abgesichert zu sein? möchte Mishelle an einer Stelle von Henry wissen, ein Erleben und Selbstverständnis, das sie, die jenseits einer privilegierten, westdeutschen Mehrheitsgesellschaft aufgewachsen ist, sich nicht einmal vorstellen kann. Henrys Antwort: Normal. Und so beginnt man zu ahnen und bangen, ob zwei Menschen, deren „Normal“ sich so unterscheidet, trotz großer Liebe ein gemeinsames Leben aufbauen und sich ihr gemeinsames Normal schaffen können.

All dies erzählt Thomas in einer unmittelbaren, manchmal rohen und gerade dadurch authentischen Sprache. Die Dialoge wirken wie aus dem Leben, die Figuren und ihre Lebenswelt, von denen ich selbst einige biografische Eckdaten mit Mishelle teile, sind fast erschreckend lebensnah. Es ist ein unglaubliches Verdienst der Autorin diese Lebenswelt mit all ihren Zwängen, aber auch schönen Momenten, in Literatur zu verwandeln und so erlebbar zu machen.

Für mich geht der Roman sogar über diese Liebesgeschichte hinaus. Denn Mishelle und Henry zeigen auch, ob und wie auf gesellschaftlicher Ebene bei zunehmender Ungleichheit zwischen verschiedenen Klassen, die wenige Berührungspunkte haben, Verständigung möglich ist oder auch nicht… Seid gespannt und lest unbedingt diesen einzigartigen Roman, der Liebesgeschichte, Milieustudie und Gesellschaftskritik zugleich ist!