Über Macht und Liebe

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Ruth-Maria Thomas erzählt in „Die zweitgrößte Liebe“ die Geschichte von Michelle, die nach einem persönlichen Zusammenbruch ihre ostdeutsche Heimat hinter sich lässt und als Rezeptionistin in einem Luxushotel neu beginnt. Dort begegnet sie Henry, der aus wohlhabenden westdeutschen Verhältnissen stammt. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft verlieben sich die beiden. Doch je enger ihre Beziehung wird, desto deutlicher treten die gesellschaftlichen Gräben, unterschiedliche Lebenserfahrungen und die Frage zutage, ob Liebe soziale Ungleichheit tatsächlich überwinden kann.

Ruth-Maria Thomas gelingt ein beeindruckend authentischer Roman mit vielschichtigen Figuren, die nie zu bloßen Klischees werden. Michelle, geprägt von Armut, Unsicherheit und einem von Sucht gezeichneten Umfeld, steht Henry gegenüber, der materiell nie verzichten musste und sich als derjenige versteht, der die „arme, süße Maus mit Träumen“ retten möchte – und dabei letztlich auch sich selbst.

Mit Feingefühl arbeitet die Autorin heraus, wie unterschiedlich Herkunft ein Leben formt. Rückblicke in die Kindheit verdeutlichen die tief verwurzelten Traumata beider Figuren: Während Michelle gelernt hat, Essen zu rationieren oder ganz darauf zu verzichten, weil das Geld nicht reichte, fehlte Henry zwar nie etwas Materielles, dafür jedoch emotionale Nähe und Zuwendung. Gerade diese Gegensätze machen ihre Beziehung so faszinierend wie schmerzhaft.

Besonders beeindruckt hat mich Thomas' feines Gespür für die leisen Mikroaggressionen, die sich nach und nach zwischen Michelle und Henry einschleichen. Sie zeigt eindrucksvoll, wie Geld, Privilegien und Klassenzugehörigkeit selbst dort Macht ausüben, wo Liebe eigentlich auf Augenhöhe stattfinden sollte. Wiederholend zeigt die Autorin der Leserschaft, dass seine Hilfe weniger Unterstützung als vielmehr Ausdruck seines eigenen Überlegenheitsgefühls ihr gegenüber ist. Und das schafft Ruth-Maria Thomas ausgezeichnet zu verdeutlichen.

„Die zweitgrößte Liebe“ ist weit mehr als eine Liebesgeschichte. Es ist ein kluger, scharf beobachteter Roman über Klassismus, Herkunft, Machtverhältnisse und die Frage, ob Liebe gesellschaftliche Ungleichheiten wirklich überwinden kann. Ein großartiger Roman, der nachhallt und für mich zu den bisherigen Highlights des Lesejahres gehört.