Unüberbrückbare Standesunterschiede?

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räuberin Avatar

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"'Fühlt sich manchmal an wie geliehen. Frag mich, wann ich's zurückgeben muss.'" [S. 219]

Direkt hineingeworfen werden wir in Ruth-Maria Thomas' zweiten Roman: Henry kommt nach Hause, die Fenster in der Wohnung sind geöffnet, eine Vase umgefallen. Seine Freundin Michelle nicht da. Ein ungutes Gefühl macht sich in ihm breit und als er einen Blutspritzer am Badewannenrand entdeckt, ist er alarmiert, ruft seine Schwester und Mutter an.

Michelle und Henry lernen sich zweieinhalb Jahre zuvor zufällig auf Michelles Arbeitsplatz, einem Hotel, kennen. Michelle, die eigentlich "Mishelle" geschrieben wird, hat ihren Schmuckladen aufgeben müssen und sitzt nun auf einem Berg Schulden, der sie immer alles durchrechnen lässt. Henry kommt aus gutem Hause, seine Mutter Anwältin, sein Vater Arzt, er selbst hat einen "langweiligen Bürojob", wie er Michelle zunächst erzählt.
Man merkt sofort: Potenzial für Missverständnisse, Konflikte und Reibung.

Was zunächst als Affäre beginnt, bei der Henry es spannend findet, sich außerhalb seiner sonstigen Kreise zu bewegen, entwickelt sich zu einer zarten Verliebtheit.

Bei alldem erfahren wir im Wechsel, was in Michelle und was in Henry vorgeht - und davon hat die jeweils andere Person oftmals keine Ahnung. Beide haben Heimlichkeiten vor dem*der Anderen, weil zwischen ihnen immer wieder ihre unterschiedliche Herkunft und ihre unterschiedlichen wirtschaftlichen Möglichkeiten stehen. Das macht Beide gleichzeitig absolut authentisch, realistisch und nachvollziehbar, andererseits kommt bei den Abgründen (Michelle verkauft teure Geschenke seiner Familie, um von ihren Schulden runterzukommen; Henry will Michelle in eine Richtung bewegen, die besser in seine "Welt" passt) weder für den einen noch für die andere wirkliche Sympathie auf. Aber vielleicht ist ja genau das, was die Stärke des Buchs ausmacht ...?

Besonders viel passiert in "Die zweitgrößte Liebe" nicht und mir was das Thema "Standesunterschied" ein wenig zu omnipräsent. Ein bisschen mehr drumherum, andere Perspektiven (die durch Henrys Schwester und Michelles Bruder viel zu kurz aufblitzen) hätten da schon einen Ausgleich geschaffen. So kreisen Henry und Michelle mir ein wenig zu sehr um sich selbst und so nachvollziehbar die Beiden als Charaktere sind, so eingeschränkt bleiben sie auch.

Dennoch: Das Buch lässt sich gut runter lesen, Ruth-Maria Thomas hat eine fantastische Art zu schreiben und der Blick auf das Thema ist sehr wertvoll. Daher 4 von 5 Sternen.