Urlaub von sich selbst in Zimmer 407
„Die zweitgrößte Liebe“, der von mir sehr erwartete neue Roman von Ruth-Maria Thomas, erschienen 2026 bei dtv, schafft es qualitativ absolut an seinen Vorgänger „Die schönste Version“ anzuschließen und hat mich sehr gepackt und berührt.
Wir begleiten Michelle und Henry bei einer Lovestory der Unmöglichkeit: Michelle verlässt ihr Leben in den neuen Bundesländern auf allen Ebenen gescheitert und mit großen Schulden im Gepäck, findet einen Job in einem Hotel im Norden Deutschlands, lebt ein Leben am unteren Rand der Existenz und schlägt sich tapfer durch – ohne wirklich eine Chance zu sehen, ihre Schulden abbauen zu können. Eines Abends lernt sie im Hotel Henry kennen – den jungen, attraktiven Mann aus gutem Hause, der sich eh nicht um viele Dinge Sorgen machen muss: und schon gar nicht um Geld. Was als lockere Affaire beginnt, gewinnt schnell tiefere Dimension, die Anziehung ist groß und irgendwie berühren beide einen Punkt beim anderen, der sie beieinander bleiben lässt – doch mit dem Bleiben steigen Abhängigkeit und offene Fragen und so ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis der Märchentraum zerplatzt.
Was auf der Oberfläche wirkt wie eine Romantasy, ist meilenweit davon entfernt. Thomas schreibt dicht, emotional und schmerzhaft, Zeitsprünge lassen einen immer wieder in die Vergangenheit eintauchen, Sorge und Angst bilden einen Untergrund, dem man sich nicht entziehen kann, was dem Lesen einen hohen Puls verleiht. Die Autorin findet schöne Bilder und ungewöhnliche, sehr besondere Formulierungen, sie schafft es, den Klassen-Gap nahezu körperlich erlebbar zu machen. Natürlich schreibt sie auch, wie man es von ihr kennt, sexuell durchaus explizit, nicht unbedingt jedermanns Sache, aber sie bleibt sich damit selbst treu. Und sie zeichnet ihre Figuren ehrlich – was diese nicht immer sympathisch wirken lässt.
Vor allem aber schreibt Thomas hier eine Geschichte über eine Klassengesellschaft, über Armut und was sie wirklich bedeutet, über Klassismus, der nicht abgelegt werden kann, auch wenn die Liebe groß ist, über die noch immer vorhandene Trennung in Deutschland, die aufzuheben es viel mehr Bemühungen bräuchte, eine Geschichte darüber, dass Geld allein nicht glücklich macht, aber so sehr dabei hilft, sich glücklich zu fühlen. Eine Geschichte darüber, es besser haben zu müssen, es herausschaffen zu sollen, über die Frage, ob Geld die Liebe zerstört, über Erwartungen von Eltern und Familie, über Moral und ob man sie sich leisten können muss, über Objektifizierung und Patriarchat, über auf die Füße kommen und dennoch weiter Straucheln, über Sprachlosigkeit und nicht enden wollende Traurigkeit, über Rache auch und: über Freiheit. Und sie schont uns nicht. Sie schont uns wirklich überhaupt nicht. Wem diese Geschichte nicht das Herz rausreißt – der hat vermutlich keins.
Unter der Geschichte einer unwahrscheinlichen Liebe serviert uns Ruth-Maria Thomas eine messerscharfe Sozialstudie im Hier und Jetzt unseres Landes mit einem realistischen Ende – denn wir können nicht auf Dauer Urlaub von uns selbst im Leben einer anderen Person machen, die Tage im Paradies sind abgezählt und unsere Herkunft müssen wir stark reflektieren wollen, um uns von ihr zu distanzieren – ganz ablegen können wir sie nie, weshalb Chancengleichheit auch nach wie vor ein Mythos ist, was dieses Buch zerstörerisch berührend zeigt. Lesen!
Ein großes Dankeschön an vorablesen.de und dtv für das Rezensionsexemplar!
Wir begleiten Michelle und Henry bei einer Lovestory der Unmöglichkeit: Michelle verlässt ihr Leben in den neuen Bundesländern auf allen Ebenen gescheitert und mit großen Schulden im Gepäck, findet einen Job in einem Hotel im Norden Deutschlands, lebt ein Leben am unteren Rand der Existenz und schlägt sich tapfer durch – ohne wirklich eine Chance zu sehen, ihre Schulden abbauen zu können. Eines Abends lernt sie im Hotel Henry kennen – den jungen, attraktiven Mann aus gutem Hause, der sich eh nicht um viele Dinge Sorgen machen muss: und schon gar nicht um Geld. Was als lockere Affaire beginnt, gewinnt schnell tiefere Dimension, die Anziehung ist groß und irgendwie berühren beide einen Punkt beim anderen, der sie beieinander bleiben lässt – doch mit dem Bleiben steigen Abhängigkeit und offene Fragen und so ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis der Märchentraum zerplatzt.
Was auf der Oberfläche wirkt wie eine Romantasy, ist meilenweit davon entfernt. Thomas schreibt dicht, emotional und schmerzhaft, Zeitsprünge lassen einen immer wieder in die Vergangenheit eintauchen, Sorge und Angst bilden einen Untergrund, dem man sich nicht entziehen kann, was dem Lesen einen hohen Puls verleiht. Die Autorin findet schöne Bilder und ungewöhnliche, sehr besondere Formulierungen, sie schafft es, den Klassen-Gap nahezu körperlich erlebbar zu machen. Natürlich schreibt sie auch, wie man es von ihr kennt, sexuell durchaus explizit, nicht unbedingt jedermanns Sache, aber sie bleibt sich damit selbst treu. Und sie zeichnet ihre Figuren ehrlich – was diese nicht immer sympathisch wirken lässt.
Vor allem aber schreibt Thomas hier eine Geschichte über eine Klassengesellschaft, über Armut und was sie wirklich bedeutet, über Klassismus, der nicht abgelegt werden kann, auch wenn die Liebe groß ist, über die noch immer vorhandene Trennung in Deutschland, die aufzuheben es viel mehr Bemühungen bräuchte, eine Geschichte darüber, dass Geld allein nicht glücklich macht, aber so sehr dabei hilft, sich glücklich zu fühlen. Eine Geschichte darüber, es besser haben zu müssen, es herausschaffen zu sollen, über die Frage, ob Geld die Liebe zerstört, über Erwartungen von Eltern und Familie, über Moral und ob man sie sich leisten können muss, über Objektifizierung und Patriarchat, über auf die Füße kommen und dennoch weiter Straucheln, über Sprachlosigkeit und nicht enden wollende Traurigkeit, über Rache auch und: über Freiheit. Und sie schont uns nicht. Sie schont uns wirklich überhaupt nicht. Wem diese Geschichte nicht das Herz rausreißt – der hat vermutlich keins.
Unter der Geschichte einer unwahrscheinlichen Liebe serviert uns Ruth-Maria Thomas eine messerscharfe Sozialstudie im Hier und Jetzt unseres Landes mit einem realistischen Ende – denn wir können nicht auf Dauer Urlaub von uns selbst im Leben einer anderen Person machen, die Tage im Paradies sind abgezählt und unsere Herkunft müssen wir stark reflektieren wollen, um uns von ihr zu distanzieren – ganz ablegen können wir sie nie, weshalb Chancengleichheit auch nach wie vor ein Mythos ist, was dieses Buch zerstörerisch berührend zeigt. Lesen!
Ein großes Dankeschön an vorablesen.de und dtv für das Rezensionsexemplar!