Ein intelligenter Kriminalroman voller Abgründe

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emmamarie Avatar

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Down Cemetery Road ist ein früher Roman von Mick Herron, der bereits vieles von dem erkennen lässt, was ihn später mit der Slow-Horses-Reihe berühmt gemacht hat: einen scharfen Blick für menschliche Schwächen, trockenen Humor und eine tiefe Skepsis gegenüber offiziellen Wahrheiten.

Das Cover und die Gestaltung passen gut zum Inhalt: eher zurückhaltend, leicht düster und ohne Effekthascherei. Genau diese Nüchternheit spiegelt auch den Ton des Romans wider, der weniger auf Tempo als auf Atmosphäre und Figurenentwicklung setzt.

Inhaltlich beginnt die Geschichte vergleichsweise unspektakulär, entwickelt sich jedoch schnell zu einem vielschichtigen Kriminalroman. Ausgehend von einem persönlichen Schicksal entfaltet sich Schritt für Schritt ein Netz aus Lügen, politischen Verstrickungen und moralischen Grauzonen. Besonders gelungen ist, wie Herron das scheinbar ruhige Oxford als Ort voller Abgründe zeichnet. Die Geschichte wirkt dabei nie überkonstruiert, sondern folgt einer logischen, wenn auch manchmal bewusst unbequemen Entwicklung.

Der Schreibstil ist präzise, ironisch und stellenweise angenehm bissig. Herron nimmt sich Zeit für Dialoge und Beobachtungen, was das Tempo gelegentlich verlangsamt, der Tiefe der Geschichte jedoch zugutekommt. Wer einen klassischen Hochgeschwindigkeits-Thriller erwartet, könnte dies als Schwäche empfinden – für mich ist es eine Stärke.

Die Figuren sind glaubwürdig und facettenreich. Besonders Sarah Tucker und Zoë Boehm wirken authentisch, verletzlich und zugleich entschlossen. Ihre Dynamik trägt den Roman und macht ihn emotional greifbar. Nebenfiguren sind bewusst kantig gezeichnet und fügen sich stimmig in das Gesamtbild ein.

Interessant ist das Buch vor allem für Leser*innen, die intelligente Kriminalromane mit politischem Unterton schätzen. Fans von Mick Herrons späteren Werken werden hier viele bekannte Motive wiederentdecken, wenn auch noch weniger geschliffen.

Down Cemetery Road ist ein ruhiger, kluger und stellenweise bitterer Kriminalroman, der Geduld verlangt, diese aber mit Tiefe und Atmosphäre belohnt. Kritisch betrachtet hätte der Roman an einigen Stellen straffer sein dürfen, überzeugt jedoch insgesamt durch Figurenzeichnung und thematische Relevanz. Eine klare Empfehlung für alle, die Krimis jenseits gängiger Klischees suchen.