Albernheit und intellektueller Overkill
John Milton Bradley Sill hat beschlossen, ein klassischer Bond-Bösewicht zu werden. Der Eine Hintergrund: Sein Vater war Zeuge der Ermordung von Martin Luther King und wurde von Regierungsagenten zum Schweigen gebracht. Seine verwitwete Mutter wurde reich als Bordellbesitzerin und grundlos von einem weißen Polizisten erschossen. Sill erbte ihr Vermögen, investierte klug und wurde zum Milliardär, der nun auf Rache sinnt. "Wir haben [Amerika] alles gegeben", sagt er. "Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir nichts zurückgeben." Nichts? Genau – und hier kommt Wala Kitu ins Spiel, Doktor und Dozent der Mathematik, der sich auf die Erforschung des Nichts spezialisiert hat – er soll Sills Dr. No werden. Für viel Geld engagiert Sill Kitu als Berater, denn er möchte das Nichts zur Waffe machen und die Welt der Weißen quasi nullen. Schwarze als Kollateralschaden? Kein Problem für Sill. Als Kitu das begreift, versucht er, das zu verhindern.
Allerdings hat Everett Kitu als das schräge Gegenteil von James Bond angelegt: Er hat nie eine Frau berührt, emotional wird er nur wegen seines einbeinigen Hundes Trigo. Er ist autistisch, weltfremd und kann nicht mal Auto fahren. Als er endlich interveniert, ist der Schaden schon eingetreten: Sill hat bereits, quasi testhalber, einen Ort ausgelöscht.
Es wird klar, dass die politische Rachetrope als Grund für Sills Handeln nicht greift – sie ist nur eine Tarnung für Langeweile und verletzte Eitelkeit. Denn was kannst du noch erreichen, wenn du schon alles hast? Genau: Nichts. Durch seinen Reichtum ist Sill praktisch allmächtig – aber unternimmt er etwas, das wirklich den gesellschaftlichen Status quo erschüttert oder Amerikas Institutionen verändert? Mitnichten – er löscht einen ansonsten bedeutungslosen Ort aus, in dem er einmal persönlich gekränkt worden ist. Everett zeigt uns Sill als einen Vertreter des Schwarzen Kapitalismus, der ebenso wie seine weißen Pendants zur Gefahr für die ganze, nicht nur die weiße Welt wird. Hat er durch sein Geld, das die „normale“ Diskriminierung zu nivellieren scheint, und das Durchlaufen weißer Bildungsinstitutionen womöglich seine schwarze Identität verloren? Pure Ironie, dass Everett ihm den Namen John Miltons verpasst hat, des Poeten des 17. Jh, der als einer der Ersten freiheitliche Selbstbestimmung propagierte.
Wie alle Romane von Everett ist auch dieser sprachlich anspruchsvoll. Ein Textbeispiel: „Es war sicherlich nicht so, dass Descartes, Berkeley oder Husserl eine empirische Adaption der Beziehung zur physischen Welt, zur wissenschaftlichen Wahrheit oder zur Beschaffenheit einer Emotion ernsthaft als Prämisse eines Syllogismus betrachtet hätten.“ Es gab Sätze, die sich auch nach dreimaligem Lesen nicht erschlossen, vor allem wenn Kitu in Mathe-Sprech verfällt. Ziemlich bald gab ich es auf, alles zu googlen, was ich nicht verstand – und siehe da, es spielte keine Rolle. Wenn man problemlos darüber weglesen kann, wozu dann diese Sätze schreiben? In jeder Zeile kommt die Gelehrtheit und Intellektualität des Autors zur Geltung; das schien mir oft Selbstzweck zu sein.
Gleichzeitig scheitert der Roman für mein Gefühl an seiner satirischen Albernheit. Unglaublich, wie viele Wortspiele das Nichts hergibt und wie viele Witze man darüber reißen kann. Keine der Figuren hat echte Tiefe, sie sind Funktionsträger im satirischen Bond-Universum. Mir gefiel auch nicht, wie beiläufig Kitus hübsche, nerdige Kollegin von Sill mehrfach manipuliert und missbraucht wird.
Dennoch liest sich diese Parodie durchaus unterhaltsam und hat alles, was es auch in einem Bond-Film gibt: Haifischbecken, sexy weibliche Roboter, sinnlose U-Boot-Fahrten, luxuriöse Wohnsitze auf der ganzen Welt, Verfolgungsjagden und einen tödlichen Weltraumlaser. Aber im Gegensatz zu den Vorgängern „James“ und besonders „Die Bäume“ hat er mich weder erschüttert noch berührt.
Allerdings hat Everett Kitu als das schräge Gegenteil von James Bond angelegt: Er hat nie eine Frau berührt, emotional wird er nur wegen seines einbeinigen Hundes Trigo. Er ist autistisch, weltfremd und kann nicht mal Auto fahren. Als er endlich interveniert, ist der Schaden schon eingetreten: Sill hat bereits, quasi testhalber, einen Ort ausgelöscht.
Es wird klar, dass die politische Rachetrope als Grund für Sills Handeln nicht greift – sie ist nur eine Tarnung für Langeweile und verletzte Eitelkeit. Denn was kannst du noch erreichen, wenn du schon alles hast? Genau: Nichts. Durch seinen Reichtum ist Sill praktisch allmächtig – aber unternimmt er etwas, das wirklich den gesellschaftlichen Status quo erschüttert oder Amerikas Institutionen verändert? Mitnichten – er löscht einen ansonsten bedeutungslosen Ort aus, in dem er einmal persönlich gekränkt worden ist. Everett zeigt uns Sill als einen Vertreter des Schwarzen Kapitalismus, der ebenso wie seine weißen Pendants zur Gefahr für die ganze, nicht nur die weiße Welt wird. Hat er durch sein Geld, das die „normale“ Diskriminierung zu nivellieren scheint, und das Durchlaufen weißer Bildungsinstitutionen womöglich seine schwarze Identität verloren? Pure Ironie, dass Everett ihm den Namen John Miltons verpasst hat, des Poeten des 17. Jh, der als einer der Ersten freiheitliche Selbstbestimmung propagierte.
Wie alle Romane von Everett ist auch dieser sprachlich anspruchsvoll. Ein Textbeispiel: „Es war sicherlich nicht so, dass Descartes, Berkeley oder Husserl eine empirische Adaption der Beziehung zur physischen Welt, zur wissenschaftlichen Wahrheit oder zur Beschaffenheit einer Emotion ernsthaft als Prämisse eines Syllogismus betrachtet hätten.“ Es gab Sätze, die sich auch nach dreimaligem Lesen nicht erschlossen, vor allem wenn Kitu in Mathe-Sprech verfällt. Ziemlich bald gab ich es auf, alles zu googlen, was ich nicht verstand – und siehe da, es spielte keine Rolle. Wenn man problemlos darüber weglesen kann, wozu dann diese Sätze schreiben? In jeder Zeile kommt die Gelehrtheit und Intellektualität des Autors zur Geltung; das schien mir oft Selbstzweck zu sein.
Gleichzeitig scheitert der Roman für mein Gefühl an seiner satirischen Albernheit. Unglaublich, wie viele Wortspiele das Nichts hergibt und wie viele Witze man darüber reißen kann. Keine der Figuren hat echte Tiefe, sie sind Funktionsträger im satirischen Bond-Universum. Mir gefiel auch nicht, wie beiläufig Kitus hübsche, nerdige Kollegin von Sill mehrfach manipuliert und missbraucht wird.
Dennoch liest sich diese Parodie durchaus unterhaltsam und hat alles, was es auch in einem Bond-Film gibt: Haifischbecken, sexy weibliche Roboter, sinnlose U-Boot-Fahrten, luxuriöse Wohnsitze auf der ganzen Welt, Verfolgungsjagden und einen tödlichen Weltraumlaser. Aber im Gegensatz zu den Vorgängern „James“ und besonders „Die Bäume“ hat er mich weder erschüttert noch berührt.