Ein Sog, dem man sich kaum entziehen kann

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Das ist literarisch eine ganz andere Liga und hat mich beim Lesen ehrlich gesagt ziemlich kalt erwischt! Julie Orringer packt hier gleich mehrere schwere, existenzielle Themen an, verwebt sie aber so elegant, dass man förmlich in diesen zerrissenen Kosmos von Barr Pennington hineingezogen wird.

Die Schilderung der Demenzerkrankung seiner Frau Dava im Pflegeheim tut beim Lesen körperlich weh, weil sie so unfassbar präzise und frei von jedem Kitsch beobachtet ist: die Pflegerin, die den Namen verwechselt, das Rührei in den Haaren, die kleinen lichten Momente beim Erwähnen alter Erinnerungen an Michigan und danach dieser abrupte Absturz in die totale, fremde Leere. Wer je miterlebt hat, wie ein geliebter Mensch im Nebel des Vergessens verschwindet, findet hier jede schmerzhafte Nuance wieder.

Und dann bricht dieser Roman gleich zweifach aus dem klassischen Beziehungsdrama aus: Zum einen mit dem Fund der gelben Notizblöcke hinter der Wandverkleidung – Davas geheimes, brillantes Lebenswerk, das sich als akribisch verschlüsselte Chronik einer jahrelangen lesbischen Affäre mit ihrer Kollegin Svetlana entpuppt. Pennington, der alternde Dozent, muss nicht nur den Verlust ihres Geistes verarbeiten, sondern auch begreifen, dass die Frau an seiner Seite ein ganzes paralleles Universum vor ihm verborgen hat.

Der eigentliche Clou ist aber die Hündin Luna: kein stolzer, gesunder Vorzeige-Husky, sondern ein schwer brandverletztes, versehrtes Tier aus dem Tierheim mit verkohltem Ohr und zerschundener Flanke. Wie sich zwischen diesem einsamen Mann und dem traumatisierten Hund am Flussufer plötzlich ein fast unheimlicher, telepathischer Moment des Verstehens entspinnt und das Tier im Jaulen nach Fleisch verlangt, bringt einen faszinierenden Tropfen Magischen Realismus in die Geschichte.

Ich erwarte von diesem Roman ein tiefgründiges, sprachlich meisterhaftes und psychologisch hochkomplexes Charakterstück über Schuld, Eitelkeit, Trauer und die unbändige Sehnsucht nach echter Verbindung. Ein Buch, das schwer im Magen liegt, aber eine enorme narrative Wucht entfaltet – das möchte man definitiv ganz lesen!