Der gute Charakter trägt Fell...

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anpie Avatar

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Mit einem guten Charakter assoziiert man vor allem moralische Integrität, Verlässlichkeit und ein zugewandtes, faires Verhalten im Miteinander. Nach der Lektüre des Romans, der von (geheimer) Liebe, Verrat und geistigem Verfall handelt, hat man allerdings Schwierigkeiten, eine derartige Eigenschaft bei einem der Romanfiguren zu erkennen. Von untadeligem Charakter scheint allein die von einem Feuer stark gezeichnete Hündin zu sein, deren berührende, parabelhaft anmutende Geschichte auf wundersame Weise mit den einzelnen Schicksalen verwebt ist.

Den Schreibstil der Autorin würde ich als poetisch bildgewaltig und kompromisslos detailverliebt beschreiben. Die enorme Bildhaftigkeit ist Fluch und Segen zugleich. Weil jede Nuance, jede emotionale Regung und jede optische Veränderung akribisch und minuziös ausformuliert wird, entstehen unweigerlich erzählerische Längen. Wer eine straff durcherzählte Geschichte erwartet, dürfte somit eher enttäuscht werden.

Die Autorin verlangt ihrer Leserschaft eine gehörige Portion Aufmerksamkeit ab. Im Verlauf der Geschichte wechselt die Perspektive zwischen mindestens 7 verschiedenen Stimmen. Die gewählte Struktur mag handwerklich brillant sein, zusammen mit der epischen Schilderung jedes noch so winzigen Details verlangsamte sie jedoch meinen Lesefluss sehr. Wenn über mehrere Seiten hinweg eine individuelle Erkenntnis in all ihren psychologischen Schattierungen und visuellen Vergleichen seziert wird, friert die Handlung regelrecht ein. Ich habe den roten Faden jedenfalls mehr als einmal gesucht, als ich mich – und das eigentliche Drama um die Folgen der Erkrankung - im Rausch der von der Autorin meisterhaft inszenierten Bilder völlig verloren habe.

Meisterhaft gelingt es der Autorin ein präzises Porträt der Alzheimer-Erkrankung zu zeichnen, das wohltuend frei ist von jeglicher Sentimentalisierung oder Melodramatik und gerade dadurch tief berührt. Wie es ist, wenn Worte, Erinnerungen und schließlich die eigene Identität langsam verloren gehen und wie hilflos die Umgebung zusehen muss…keine leichte Kost.

Einen geradezu chirurgischen Blick wirft die Autorin auf den schweren Vertrauensbruch durch Davas Ehemann Barr. Dessen Zerrissenheit zwischen Überforderung, Wut, bitterem Egoismus wird mit einer fast klinischen Kälte und Objektivität geschildert, was die Ungeheuerlichkeit der Tat paradoxerweise noch verstärkt. Die Autorin erhebt jedoch erfreulicherweise keinen moralischen Zeigefinger, vielmehr lässt sie ausreichend Raum für Deutungen und überlässt die Wertung ihrer Leserschaft.

Auch wenn die Beschreibung der Krankheit und menschlicher Schwächen meisterhaft gelungen sind, so verliert der Roman doch an manchen Stellen seine erzählerische Wucht. Besonders die surrealen Elemente in Nebenhandlungen – wie die Einschübe rund um das Mädchen mit der Tiermaske – wirkten auf mich im Vergleich zu dem sonst so realistischen und einfühlend gezeichneten Porträt der Erkrankung unnötig künstlich und irritierend.

Fazit: „Ein guter Charakter“ ist ein sprachlich brillantes und emotional ergreifendes Buch über die Ohnmacht, dem geistigen Verfall und der Allgegenwart menschlicher Eitelkeiten. Wer über erzählerische Längen und bisweilen surreale Nebenstränge hinwegsehen kann, erhält eine zutiefst berührende und beklemmend präzise Studie über Verfall und Verrat.
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