Ein literarischer Schatz, der sich erst nach und nach offenbart.

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jessy1968 Avatar

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Das Cover, in seinen Farben und dem außergewöhnlichen Motiv, hat sofort meinen Blick auf sich gezogen. Voller Neugier, was es mit dem Hund und dem Vogel auf seinen Kopf auf sich hat und ebenfalls durch den Klappentext, der sehr interessant geklungen hat, musste ich dieses Buch einfach lesen.

Ich fand es zunächst nicht ganz einfach, da es ganz anders war als erwartet. Jedoch hat es sich im Laufe des Lesens als richtiger Glücksgriff entwickelt. Wer mit dem Anfang noch nicht so ganz warm wird, sollte unbedingt weiterlesen und der Geschichte eine Chance geben.

Mir persönlich hat der Einstieg zwar bereits sehr gut gefallen, doch so richtig in seinen Bann gezogen hatte mich das Buch zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Bis dahin war es für mich einfach eine interessante und abwechslungsreiche Geschichte, bei der ich gespannt war, wohin sie mich führen würde.
Zunächst sieht es so aus, als ob Barr Pennington die Hauptperson ist. Zumindest verspürt er das dringende Bedürfnis die wohl ärmste Kreatur im Tierheim möchte mit ihm kommunizieren – wie sie es bereits schon einmal getan hat. Seine Frau ist an Alzheimer erkrankt und sein Verlangen gilt seiner deutlich jüngeren Assistentin.
Man bekommt sehr schnell den Eindruck, dass es sich bei ihm um eine nicht besonders sympathische Person handelt und die Geschichte einen sehr runterziehen könnte. Doch all das sind nur Facetten einer wirklich ganz besonderen Geschichte, die trotz ihrer schweren und nachdenklichen Momente einen keineswegs herunterzieht, sondern sich einfach nach einer ganz eigenen Faszination entfaltet.
Die eigentliche Geschichte dreht sich um Dava, seiner Frau. Ihrer Ehe, der Zeit mit ihrer Geliebten Sventlana, ihren Kindern und dem schleichenden Verfall durch ihre Alzheimer-Krankheit. In den sehr lang gehaltenen Kapiteln erzählen verschiedenste Personen Ausschnitte aus ihrem Leben und dem Zusammenhang mit Dava. Noch vor der Hälfte des Buches war es dann um mich geschehen. Ich tauchte immer tiefer in das Buch ein und ließ mich von den unterschiedlichen Lebensabschnitten der Figuren mitreißen. Besonders Milo, James und "das Reh" Naomi haben mich sehr berührt.
Ich kann all diese Emotionen gar nicht mit Worten beschreiben, die sich hinter dieser Geschichte verbergen und vielleicht habe ich auch längst nicht alles verstanden, was sie zu erzählen vermag. Aber vielleicht ist genau das auch ein Teil ihrer Besonderheit: dass sie Raum für eigenen Gedanken lässt und noch lange nach dem Lesen in einem nachklingt.
Julie Orringer hat eine wunderbare Art zu erzählen. Ihr Schreibstil ist flüssig und angenehm zu lesen und trotz dem eigentlich sehr ernsten und traurigen Hintergrund hat sie mich bestens unterhalten. Vor allem aber hat sie mich berührt und mir gezeigt, dass sich hinter einer zunächst eigenartigen Geschichte so viel mehr verbergen kann, als ich anfangs vermutet habe.
Für mich ist "Ein guter Charakter" ein wahrer Schatz guter Literatur. Ein Buch, das mich überrascht, bewegt und schließlich vollkommen für sich eingenommen hat. Aber auch ein Buch, das Zeit für sich in Anspruch nimmt und nicht mal eben in zwei Tagen durchgelesen ist.

Eine klare Leseempfehlung für alle, die gerne etwas Besonderes lesen und sich auf eine vielschichtige Geschichte einlassen möchten.