Liebe und Moral vor dem Hintergrund einer Alzheimererkrankung
Nach 412 Seiten zugeklappt, bin ich gerade dabei, mir im Klaren darüber zu werden, wie mir der Roman von Julie Orringer gefallen hat.
Aufgrund einer Vorarbleseprobe war mein Interesse dafür stark geweckt worden, und enttäuscht hat mich die Lektüre "Ein guter Charakter" auf jeden Fall nicht. Ich konnte es kaum aus der Hand legen, weil die Handlung stets Neugier geweckt hat, zu erfahren, was als nächstes mit einem der halben Dutzend Hauptprotagonisten passiert.
Die Handlung besteht aus verschiedenen Erzählsträngen und diversen jeweils persönlichen Perspektiven, die logisch und literarisch gekonnt verwoben waren.
Einerseits ist da der pensionierte Literaturprofessor Barr, der das vesteckte und vor ihm bis dahin verheimlichte biografische Buchmanuskript seiner Ehefrau Dava findet, aus dem indirekt aber für ihn unmissverständlich klar wird, dass sie eine Liebesbeziehung zu einer Frau (Svetlana) unterhält. Zum anderen macht der immer chaotisch werdende hintere Teil dieses Textes deren Alzheimer-Erkrankung unmissverständlich klar.
Längst in einer Pflegeeinrichtung für Alzheimer-PatientInnen untergebracht, bekommt sie nicht bewusst mit, dass ihr Mann sich ihren Buchtext angeeignet hat, ihn vervollständigt und ihn dann unter seinem Namen sehr erfolgreich veröffentlicht.
Daneben spielt eine bei einem Hausbrand ästhetisch versehrte Hündin eine wichtige und letztlich alle Hauptpersonen verbindende Rolle im Roman. Sie gilt im Tierheim als unvermittelbar, Barr lernt sie auf der Suche nach einem tierischen Lebensbegleiter aber kennen und nach mehreren Tagen mit immer wieder gemeinsam unternommenen Spaziergängen lieben. Umso härter trifft es ihn, dass er sie dann aber wider Erwarten doch nicht adoptieren kann. (Mehr möchte ich dazu nicht verraten, da die Umstände und Folgen dessen wichtige Handlungspunkte sind.)
Insgesamt wird nach und nach deutlich, dass fast alle handelnden Personen entweder etwas verbergen oder sich sogar unmoralisch gehandelt haben. Es ist daher eben durchaus angebracht zu fragen, ob es überhaupt einen "guten Charakter" unter den beschriebenen gibt.
Thematisch beleuchtet das Buch meiner Ansicht nach vor allem die Themen Verbindung und Verlust, Persönlichkeit und Identität, Treue und Verrat, Liebe und Gleichgültigkeit - und lässt einen mal stärker und mal schwächer darüber nachdenken.
Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen. Einige wenige Textpassagen waren für die Handlung eigentlich entbehrlich und bei manchen Darstellungen war mir nicht klar, ob und für was diese ggf metaphorisch stehen sollten. Und was das Coverfoto darstellen soll, erschließt sich mir auch nach dem Durchlesen des Buches in keinster Weise.
Als Fazit gebe ich dem Buch daher 4 von 5 Sterne im Gesamteindruck.
Aufgrund einer Vorarbleseprobe war mein Interesse dafür stark geweckt worden, und enttäuscht hat mich die Lektüre "Ein guter Charakter" auf jeden Fall nicht. Ich konnte es kaum aus der Hand legen, weil die Handlung stets Neugier geweckt hat, zu erfahren, was als nächstes mit einem der halben Dutzend Hauptprotagonisten passiert.
Die Handlung besteht aus verschiedenen Erzählsträngen und diversen jeweils persönlichen Perspektiven, die logisch und literarisch gekonnt verwoben waren.
Einerseits ist da der pensionierte Literaturprofessor Barr, der das vesteckte und vor ihm bis dahin verheimlichte biografische Buchmanuskript seiner Ehefrau Dava findet, aus dem indirekt aber für ihn unmissverständlich klar wird, dass sie eine Liebesbeziehung zu einer Frau (Svetlana) unterhält. Zum anderen macht der immer chaotisch werdende hintere Teil dieses Textes deren Alzheimer-Erkrankung unmissverständlich klar.
Längst in einer Pflegeeinrichtung für Alzheimer-PatientInnen untergebracht, bekommt sie nicht bewusst mit, dass ihr Mann sich ihren Buchtext angeeignet hat, ihn vervollständigt und ihn dann unter seinem Namen sehr erfolgreich veröffentlicht.
Daneben spielt eine bei einem Hausbrand ästhetisch versehrte Hündin eine wichtige und letztlich alle Hauptpersonen verbindende Rolle im Roman. Sie gilt im Tierheim als unvermittelbar, Barr lernt sie auf der Suche nach einem tierischen Lebensbegleiter aber kennen und nach mehreren Tagen mit immer wieder gemeinsam unternommenen Spaziergängen lieben. Umso härter trifft es ihn, dass er sie dann aber wider Erwarten doch nicht adoptieren kann. (Mehr möchte ich dazu nicht verraten, da die Umstände und Folgen dessen wichtige Handlungspunkte sind.)
Insgesamt wird nach und nach deutlich, dass fast alle handelnden Personen entweder etwas verbergen oder sich sogar unmoralisch gehandelt haben. Es ist daher eben durchaus angebracht zu fragen, ob es überhaupt einen "guten Charakter" unter den beschriebenen gibt.
Thematisch beleuchtet das Buch meiner Ansicht nach vor allem die Themen Verbindung und Verlust, Persönlichkeit und Identität, Treue und Verrat, Liebe und Gleichgültigkeit - und lässt einen mal stärker und mal schwächer darüber nachdenken.
Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen. Einige wenige Textpassagen waren für die Handlung eigentlich entbehrlich und bei manchen Darstellungen war mir nicht klar, ob und für was diese ggf metaphorisch stehen sollten. Und was das Coverfoto darstellen soll, erschließt sich mir auch nach dem Durchlesen des Buches in keinster Weise.
Als Fazit gebe ich dem Buch daher 4 von 5 Sterne im Gesamteindruck.