Wenn einem eine Geschichte auch nach der letzten Seite nicht aus dem Kopf geht

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blocksbersch Avatar

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Wenn einem eine Geschichte auch nach der letzten Seite nicht aus dem Kopf geht

Was für ein toller Roman! Ich habe Ein guter Charakter von Julie Orringer gerade beendet und bin wirklich froh, dass ich dieses Buch gelesen habe. Es ist keine Geschichte, die mit großen Ereignissen oder ständig neuen Wendungen arbeitet. Vieles passiert zwischen den Figuren, und je mehr man über sie erfährt, desto interessanter und manchmal auch unangenehmer wird es.

Dava ist eine erfolgreiche Literaturprofessorin und erkrankt viel zu früh an Alzheimer. Ihr Mann Barr findet beim Packen für ihren Umzug ins Pflegeheim ein unveröffentlichtes Manuskript, in dem sie ihr eigenes Leben und auch ihre Affäre mit ihrer Kollegin Svetlana verarbeitet hat. Und was macht er? Er nimmt das Manuskript, ändert ein paar Details und veröffentlicht es unter seinem eigenen Namen.

Ich weiß nicht, was mich daran mehr wütend gemacht hat: dass er sich die Arbeit seiner Frau aneignet oder dass er genau weiß, dass sie sich irgendwann nicht mehr dagegen wehren kann. Dava verliert nach und nach ihre Erinnerungen und damit auch ein Stück von sich selbst. Und während sie immer weniger für sich selbst einstehen kann, nutzt ihr eigener Mann ihre Geschichte für seinen Erfolg. Das ist schon ein ziemlich bitterer Gedanke.

Was mir an dem Roman besonders gefallen hat, ist, dass Julie Orringer ihre Figuren nicht einfach in Gut und Böse einteilt. Durch die verschiedenen Perspektiven von Dava, Barr, Svetlana und der Tochter erfährt man nach und nach mehr über diese Familie, ihre Beziehungen und die Dinge, die zwischen ihnen schiefgelaufen sind. Man versteht manches besser, ohne deshalb gleich alles gutzuheißen. Gerade Barr fand ich als Figur interessant, auch wenn ich sein Verhalten gegenüber Dava wirklich schwer erträglich fand.
Überhaupt fand ich es spannend, wie viel sich im Laufe der Geschichte verändert, wenn man dieselben Menschen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Jeder hat seine eigene Sicht auf die Dinge, seine Verletzungen und seine ganz persönliche Wahrheit. Und manchmal fragt man sich beim Lesen, ob diese Menschen überhaupt noch zueinanderfinden können oder ob sie sich längst zu weit voneinander entfernt haben.

Ein ganz besonderer Teil der Geschichte ist für mich die Hündin Luna. Sie bringt ihre eigenen traumatischen Erfahrungen mit und ist zunächst alles andere als ein unkomplizierter Familienhund. Trotzdem entsteht gerade durch sie etwas, das den Menschen in dieser Familie zunehmend abhandenkommt. Ich mochte das sehr. Es braucht nicht immer viele Worte, um zu zeigen, wie viel Nähe und Vertrauen bedeuten können.

Ein bisschen länger hätte es für mich in der Mitte nicht unbedingt sein müssen. Da hatte die Geschichte zwischendurch ein paar Längen. Aber das war tatsächlich nur ein kleiner Kritikpunkt, denn insgesamt hat mich der Roman wirklich begeistert.

Was mich nach dem Lesen besonders beschäftigt, ist die Frage, wem eigentlich unsere eigene Geschichte gehört. Dava hat ihr Leben aufgeschrieben, ihre Erinnerungen, ihre Gedanken und ihre Geheimnisse. Doch was passiert, wenn sie irgendwann nicht mehr selbst erzählen kann, was sie erlebt hat? Kann ein anderer Mensch einfach für sie sprechen und ihre Geschichte zu seiner eigenen machen?

Ich finde, gerade durch Davas Erkrankung bekommt diese Frage noch einmal eine ganz andere Bedeutung. Erinnerungen sind so eng damit verbunden, wer wir sind. Und der Gedanke, dass jemand anderes darüber verfügen könnte, wenn wir selbst es nicht mehr können, ist schon erschreckend.

Für mich sind das fünf Sterne. Ja, die Mitte hätte etwas straffer sein dürfen, aber die Geschichte, die Figuren und die Themen haben mich einfach überzeugt. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und werde sicher noch eine Weile darüber nachdenken. Genau das wünsche ich mir von einem guten Roman.