Düsteres Märchen voller Geheimnisse, Magie und Melancholie

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elchi Avatar

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„Ein Haus aus Salz und Tränen“ von Erin A. Craig ist eine düstere Gothic Fantasy voller Geheimnisse, alter Legenden, Magie und einer wunderbar atmosphärischen Märchenstimmung. Schon der Klappentext hat mich unglaublich neugierig auf die Geschichte gemacht. Ein altes Anwesen auf sturmumtosten Klippen, peitschender Wind, mysteriöse Todesfälle, geheime Bälle und ein uralter Fluch. Genau solche Geschichten ziehen mich einfach immer wieder in ihren Bann. Düstere Fantasy gehört ohnehin zu meinen liebsten Genres und ich habe eine große Schwäche für Märchenadaptionen aller Art. Dazu kommt, dass ich „Das dreizehnte Kind“ der Autorin regelrecht verschlungen habe. Entsprechend groß war meine Vorfreude auf dieses Buch.

Ursprünglich erschien der Roman 2021 erstmals in deutscher Übersetzung im Festa Verlag. Fünf Jahre später hat der Ullstein Verlag ihn unter seinem Imprint Ullstein Jugendbuch als wunderschöne Neuausgabe erneut veröffentlicht und damit einer neuen Leserschaft zugänglich gemacht. Und was soll ich sagen? Erin A. Craig hat hier ein wunderschönes Retelling von „Die zertanzten Schuhe“ der Gebrüder Grimm geschaffen, bei dem für mich nahezu alles gepasst hat.

Die Geschichte führt uns auf die Insel Salten und nach Highmoor Manor, dem alten Familiensitz der Familie Thaumas, der hoch oben auf den Klippen über dem Meer thront. Im Mittelpunkt steht Annaleigh Thaumas, eine von ursprünglich zwölf Schwestern. Bereits vier ihrer Schwestern sind unter rätselhaften Umständen ums Leben gekommen, und auf Salten macht längst das Gerücht eines Fluchs die Runde. Während die Menschen von Unglücken sprechen, beginnt Annaleigh daran zu zweifeln. Immer mehr Hinweise deuten darauf hin, dass hinter den Todesfällen weit mehr steckt. Während ihre verbliebenen Schwestern nachts heimlich verschwinden, um geheimnisvolle Bälle zu besuchen, wird Annaleigh immer tiefer in ein Netz aus Geheimnissen, Illusionen, Geistern und dunklen Wahrheiten hineingezogen.

Und genau hier liegt für mich die große Stärke des Romans: seine Atmosphäre.

Die Geschichte beginnt mit der Trauerfeier von Eulalie, einer von Annaleighs verstorbenen Schwestern. Bereits dieser Einstieg hat mich vollkommen gefangen genommen, denn Erin A. Craig gelingt es von Anfang an, eine melancholische und zugleich geheimnisvolle Stimmung aufzubauen, die sich durch den gesamten Roman zieht. Noch bevor man die Figuren richtig kennenlernt, spürt man den Schmerz und die Schwere, die über Highmoor Manor liegen. Gleichzeitig lernt man mit wenigen Sätzen die Kultur Saltens kennen. Allein bei der Rede des Hohen Lotses wird klar, dass das Meer in dieser Geschichte weit mehr ist als nur eine Kulisse.

„Wir, das Volk des Salzes, geben diesen Körper der See zurück.“ (Erin A. Craig, „Ein Haus aus Salz und Tränen“, S. 7)

„Wir sind aus dem Salze geboren, leben vom Salze und kehren ins Salz zurück.“ (Erin A. Craig, „Ein Haus aus Salz und Tränen“, S. 8)

Diese wenigen Zeilen erzählen so viel über den Glauben, die Traditionen und die tiefe Verbundenheit der Menschen mit dem Meer – sie tragen so viel Melancholie und Schönheit in sich, dass ich sofort das Gefühl hatte, in eine uralte Legende einzutauchen. Es sind genau diese kleinen Details, die den Weltenbau so greifbar machen und für mich eine ganz besondere Tiefe verleihen.

Erin A. Craig erschafft eine Welt, die man nicht nur vor Augen hat, sondern beinahe fühlen kann. Man spürt die salzige Meeresluft auf der Haut, hört das Tosen der Wellen gegen die Klippen und das Heulen des Windes um die Mauern von Highmoor Manor. Das Anwesen wirkt gleichzeitig prachtvoll und unheimlich, voller Erinnerungen, Trauer und Geheimnisse.

„Auf den felsigen Klippen ragte mein Zuhause empor. Die dreistöckige Fassade aus verwittertem grauen Stein war efeubewachsen; das blaugrün gedeckte Dach mit seinen vielen Giebeln glänzte im Sonnenschein wie die Krone einer Meeresprinzessin.“ (Erin A. Craig, „Ein Haus aus Salz und Tränen“, S. 128)

Genau so habe ich mir Highmoor Manor während des gesamten Romans vorgestellt. Wunderschön und majestätisch auf der einen Seite, geheimnisvoll und beinahe bedrückend auf der anderen. Fast wirkte es auf mich, als würde das Anwesen selbst die Geschichten und Geheimnisse seiner Bewohner in sich tragen.

Besonders beeindruckt hat mich, wie gelungen die Märchenvorlage in die Handlung eingearbeitet wurde. Auch wenn man das Märchen „Die zertanzten Schuhe“ nicht kennt, funktioniert die Geschichte hervorragend. Wer das Märchen kennt, entdeckt viele vertraute Elemente wieder, erlebt aber gleichzeitig etwas völlig Eigenständiges. Erin A. Craig nutzt die Vorlage lediglich als Fundament und baut daraus eine düstere, geheimnisvolle und faszinierende Geschichte, die ihren ganz eigenen Charakter besitzt.

Die Autorin nimmt sich Zeit, diese Welt entstehen zu lassen und die Geschichte entfaltet sich langsam, aber genau dadurch entwickelt sie eine Sogwirkung, der ich mich kaum entziehen konnte. Alte Götter, Legenden, traditionelle Bräuche, Geistererscheinungen und die Verbindung zum Meer verweben sich zu einem faszinierenden Gesamtbild. Das Magiesystem bleibt dabei eher geheimnisvoll und lässt sich nicht in feste Regeln pressen. Statt klassischer Zauberei beeinflussen Visionen, Träume, Illusionen und übernatürliche Kräfte die Handlung. Genau das verleiht der Geschichte ihren märchenhaften und unheimlichen Charakter.

Erzählt wird die Handlung aus Annaleighs Sicht, was mir ausgesprochen gut gefallen hat. Dadurch erlebt man sämtliche Ereignisse unmittelbar mit ihr gemeinsam. Ihre Zweifel wurden zu meinen Zweifeln und ihre Fragen zu meinen Fragen. Immer wieder habe ich gerätselt, wem man vertrauen kann und was eigentlich wirklich geschieht. Das Spiel zwischen Wahrnehmung und Realität hat mir ausgesprochen gut gefallen.

Annaleigh habe ich unglaublich schnell ins Herz geschlossen. Sie ist keine Heldin, die kopflos handelt oder ständig von ihren Emotionen überwältigt wird. Sie hinterfragt Dinge, sucht nach Antworten und gibt sich nicht mit einfachen Erklärungen zufrieden. Ihre Entwicklung lässt sich gut nachvollziehen. Anfangs noch von einer tiefen Trauer und Unsicherheiten geprägt, wächst sie mit jeder neuerlangten Erkenntnis über die Ereignisse über sich hinaus und entwickelt eine bemerkenswerte Stärke.

Auch die übrigen Figuren konnten mich überzeugen. Bei zwölf Schwestern – Ava, die Älteste, Octavia, Elizabeth, Eulalie, die hübscheste der Schwestern, Camille, Annaleigh, den Drillingen Lenore, Rosalie und Ligeia sowie Mercy, Honor und Verity, auch die drei Grazien genannt – musste ich anfangs zwar gelegentlich überlegen, wer gerade wer ist. Doch dieses kleine Problem erledigte sich recht schnell, da jede Schwester ihre eigene Persönlichkeit und ihre eigenen Eigenheiten besitzt.

Vor allem Verity, die jüngste der Schwestern, habe ich schnell ins Herz geschlossen. Ihre offene, neugierige Art und ihre Fähigkeit, die Geister ihrer verstorbenen Schwestern zu sehen, sorgen für einige der berührendsten Momente des Romans. Gleichzeitig mochte ich auch Camille, die nur wenig älter als Annaleigh ist, sehr. Sie steht nach dem Tod Eulalies als nächstes in der Erbfolge und versucht nach all den Verlusten die Schwestern zusammenzuhalten und Verantwortung zu übernehmen, während um sie herum alles auseinanderzubrechen droht.

Neben den Schwestern haben mir auch Cassius und Fisher sehr gefallen. Beide spielen auf ganz unterschiedliche Weise eine wichtige Rolle in Annaleighs Leben und bringen ihre eigene Dynamik in die Geschichte. Während Cassius lange geheimnisvoll bleibt und ich bis zum Schluss nie genau wusste, welche Absichten er wirklich verfolgt, sorgt Fisher mit seiner ruhigen, ehrlichen Art immer wieder für kleine Lichtblicke zwischen all den düsteren Ereignissen. Gerade weil Erin A. Craig ihre Figuren nicht sofort durchschauen lässt, habe ich ständig mitgerätselt, wem Annaleigh überhaupt noch vertrauen kann. Auch die zarte Liebesgeschichte entwickelt sich angenehm zurückhaltend und fügt sich ganz selbstverständlich in die Handlung ein, ohne jemals die eigentlichen Geheimnisse der Geschichte in den Hintergrund zu drängen.

Was die Spannung betrifft, schlägt das Buch eher leise Töne an. Wer pausenlose Action erwartet, den muss ich enttäuschen. Die Geschichte lebt vielmehr von ihrer Atmosphäre, den Geheimnissen und den vielen kleinen Hinweisen. Immer wieder war ich überzeugt, die Lösung gefunden zu haben, nur um kurze Zeit später erneut alles infrage zu stellen.

Hinzu kommt der wunderschöne Schreibstil der Autorin. Er ist bildhaft, flüssig und unglaublich stimmungsvoll. Die Beschreibungen wirken niemals überladen, erschaffen aber dennoch klare Bilder vor dem inneren Auge. Vor allem die Szenen rund um die geheimnisvollen Bälle hatten etwas Magisches an sich. Gleichzeitig schwingt jedoch stets eine gewisse Dunkelheit mit, die dafür sorgt, dass man sich nie ganz sicher fühlt. Diese konstante Spannung hat mich förmlich durch die Seiten getragen.


Fazit:

„Ein Haus aus Salz und Tränen“ von Erin A. Craig ist für mich ein Buch, das sich anfühlt wie ein düsteres Märchen voller Geheimnisse, Magie und Melancholie. Eine Geschichte über Verlust, Familie, Hoffnung und die Frage, wie weit man bereit ist zu gehen, um die Menschen zu schützen, die man liebt. Erin A. Craig hat hier ein atmosphärisches Retelling geschaffen, das mich von der ersten bis zur letzten Seite in seinen Bann gezogen hat.

Wer düstere Märchenadaptionen, geheimnisvolle Familiengeschichten, alte Legenden und eine Prise Gothic Horror liebt, sollte sich dieses Buch unbedingt näher ansehen. Absolute Leseempfehlung!