Drei Frauen zwischen Münster und Istanbul

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Sandra Lüpkes hat hier zwei reale - wenn auch ehre unbekannte - Frauengestalten mit einer fiktiven Figur aus der Gegenwart verknüpft.
Mehpares Geschichte beginnt bereits 1926 in Istanbul, wo sie schon als Schulmädchen sehr wissbegierig und strebsam ihre Liebe zu Pflanzen und zur Genetik entdeckt. Magda muss mit ihrer Familie 1933 aus Münster vor den Nazis fliehen. Sie selber ist promovierte Biologin, ihr Mann wird Leiter des Botanischen Instituts und Professor an der Universität in Istanbul. Imke lebt in Münster mit ihrer gesundheitlich angeschlagenen Mutter, soll aber nun für die Besichtigung eines Institutsgebäudes aus den 30er Jahren für einen Monat nach Istanbul fliegen.
Die Autorin hat das Leben von Mehpare und Magda sehr gut recherchiert, beide Frauen waren mir bis jetzt völlig unbekannt. Mehpare hat mich mit ihrem Ehrgeiz und ihrem Mut sehr beeindruckt. Um in den 30er Jahren in der Türkei einen Doktortitel als Botanikerin zu bekommen musste man alles andere zurück stellen und sich mühsam den Weg erkämpfen. Zum Glück hat Magdas Ehemann Alfred Heilbronn ihr großes Talent erkannt und unterstützt. Ihre Geschichte vermittelt sehr anschaulich und interessant einen Eindruck der damaligen Zeit in der Türkei und den Umbruch nach Atatürks Tod.
Magda hingegen stellt ihre eigene Karriere völlig hinter die Interessen ihres Ehemanns und der Kinder zurück. Sie ist die gute Seele im Hintergrund, hat gesunden Menschenverstand, ist weltoffen und pragmatisch. Eine mir unglaublich sympathische und intelligente Frau. An ihrem Beispiel erfährt man viel Interessantes über das Leben der jüdischen Wissenschaftler, die 1933 tatsächlich in die Türkei gerufen wurden, um von ihrem Wissen zu profitieren. Die Fremdheit und die kulturellen Unterschiede machen deutlich, was das Leben im Exil damals bedeutete.
Demgegenüber steht Imke, die in der Gegenwart die Reise nach Istanbul antritt. Die Beziehung zu ihrer Mutter, für die sie sich verantwortlich fühlt, blockiert ihren eigenen Weg und ihre berufliche Perspektive. Die erzwungene Reise verlangt ihr beruflich und privat viel ab und es braucht großen Mut, um ihr Leben in die Hand zu nehmen und sich auf Veränderungen einzulassen.
Beim Lesen dieses Romans entsteht nicht nur eine wunderbare Pflanzenwelt vor dem inneren Auge, sondern auch die Stadt Istanbul wird lebendig. Mit Mehpare erlebt man das alte, traditionelle Istanbul, mit Magda die wuselige Stadt mit fremden Sitten und Gebräuchen, mit Imke das heutige Istanbul, politisch und kulturell.
Der Roman liest sich leicht und unterhaltsam und vermittelt dabei gleichzeitig viel Wissenswertes. Alle drei Frauenschicksale sind sehr interessant und und die Figuren von Mehpare und Magda haben meinen Horizont deutlich erweitert.
Eine unbedingte Leseempfehlung an alle, die einen vielschichtigen Roman verknüpft mit Zeitgeschichte zu schätzen wissen.