Eine bewegende Erzählung
“Ein Ort, der bleibt” ist eine bewegte, vor allem aber auch bewegende Erzählung. Der Titel scheint die richtige Wahl gewesen zu sein, denn auch in meiner Erinnerung wird dieser Text, und somit auch der Ort, der den Mittelpunkt dieser Erzählung darstellt, verbleiben.
Angelegt als historischer Roman mit fiktionalen Elementen, erzählt der Text, zunächst unabhängig voneinander, die Lebensgeschichten dreier Frauen, die unterschiedlicher wohl kaum sein könnten: Zum einen wäre da Imke, die im Rahmen ihrer ersten Anstellung nach dem Studium im Auftrag ihres Arbeitgebers eine Dienstreise nach Istanbul antritt. Dann wäre da Doktor Magda Heilbronn, die aufgrund von Hitlers Machtübernahme mit ihrer Familie von Münster nach Istanbul flüchten muss und sich in der Fremde eine neue Heimat aufbaut. Und Mehpare, eine überaus intelligente, aber auch sehr eigene Studentin mit einer Leidenschaft für Botanik, die als Assistentin für den Mann Magdas an einer Istanbuler Universität arbeitet.
So unterschiedlich die drei Frauen auch sein mögen: „Sie sind verschieden. Die eine blond, die andere dunkel. Die eine schon älter, die andere noch jung. Die eine Ehefrau und Mutter, die andere nie, niemals. Doch was sie verbindet, ist die unbändige Lust, etwas Neues zu begreifen." – Ihre Wege kreuzen sich, ob direkt oder indirekt, dennoch. Auf etwa 500 Seiten entwickelt Sandra Lüpkes hier ein berührendes Portrait der drei Romanfiguren und ihrer Liebsten.
Neben den Figuren des Romans wird auch der Ort, auf den der Titel des Buches referiert, mit neuem Leben erweckt. Das ehemalige erste Mädchengymnasium Istanbuls, das Mehpare als Kind besuchte, und auf dessen Gelände Magdas Mann Alfred Heilbronn später einen botanischen Garten errichtete, über dessen Schicksal Imke, viele Jahrzehnte später, mit einem Denkmalschutzgutachten entscheiden soll. Der Ort erscheint im Text in all seiner Geschichtsträchtigkeit. Die Frage nach dem Schicksal dieses belebten Ortes zieht sich als Leitprinzip durch den Text. Die entscheidende Antwort gibt Imke schließlich selbst: „Es gibt einfach keine richtige oder falsche Antwort auf die Frage, was mit diesem Ort geschehen soll, wer oder was hierhingehört, Religion oder Wissenschaft. Das Einzige, was schon immer war und ist und bleiben wird, ist die Veränderung.“
Besonders beeindruckend finde ich außerdem, als wie facettenreich sich die Erzählung herausstellte. Jedes einzelne Detail scheint genauestens überlegt, jede Formulierung bewusst getroffen zu sein. Dass das Grundgerüst der Geschichte – die Flucht Magda Heilbronns nach Istanbul, Mehpare als ehrgeizige Studentin an der Seite Magdas Mann Alfred Heilbronns -- dabei auf wahren Begebenheiten basiert, macht den Text umso lesenswerter. Wie im Anhang von der Autorin selbst erwähnt, werden die einzelnen Charaktere innerhalb des Textes zum Leben erweckt – und die Leser*innen (er)leben mit ihnen. Lüpkes Sprache ist dabei gefühlvoll, ruhig, ohne dabei an Tiefe einzusparen. Dezente Pflanzenmetaphorik webt sich dabei als verbindendes Element durch den Text und hat mich einige Male zum Schmunzeln gebracht. Auf den knapp 500 Seiten hat man als Leser*in reichlich Zeit, die Figuren ins Herz zu schließen, mit ihnen zu Leiden, zu lachen. Ebenfalls positiv hervorheben möchte ich, dass, obwohl der Roman das Leben dreier Frauen – zwei davon lebten vor etwa 100 Jahren – beschreibt, sind romantische Liebesbeziehungen lediglich ein Add-on, ein Teilaspekt in deren Leben. Die einzelnen Romanfiguren funktionieren als eigenständige Charaktere, sind nicht abhängig davon, mit einem Mann in Verbindung gebracht zu werden. Dass mich besonders die Liebe zwischen Magda und Alfred zutiefst berührt hat – „Ihr Lächeln. Alle Blumen der Welt“ (S. 347 Alfred über Magda) fand ich umso schöner.
Anmerken möchte ich, dass der Text als solcher relativ voraussetzungsreich ist, was das Wissen um Botanik angeht. Zu Beginn des Textes habe ich jede erwähnte Pflanze gegoogelt, um mir ein möglichst genaues Bild machen zu können, bin dann aber dazu übergegangen, mir zu erdenken, welche Art von Pflanze gemeint sein könnte, etwas erschlagen von der Fülle an lateinischen Fachbezeichnungen. Genannt werden nämlich unglaublich viele. Dasselbe gilt für Orte in der Türkei/ Istanbul. Wer also keine große Lust hat, neben dem Lesen noch viel Recherchearbeit zu betreiben, wird vielleicht anfangs etwas irritiert sein. Beeindruckend allerdings, dass Lüpkes sich all dieses Wissen im Rahmen ihres Schreibens angeeignet haben muss.
Angelegt als historischer Roman mit fiktionalen Elementen, erzählt der Text, zunächst unabhängig voneinander, die Lebensgeschichten dreier Frauen, die unterschiedlicher wohl kaum sein könnten: Zum einen wäre da Imke, die im Rahmen ihrer ersten Anstellung nach dem Studium im Auftrag ihres Arbeitgebers eine Dienstreise nach Istanbul antritt. Dann wäre da Doktor Magda Heilbronn, die aufgrund von Hitlers Machtübernahme mit ihrer Familie von Münster nach Istanbul flüchten muss und sich in der Fremde eine neue Heimat aufbaut. Und Mehpare, eine überaus intelligente, aber auch sehr eigene Studentin mit einer Leidenschaft für Botanik, die als Assistentin für den Mann Magdas an einer Istanbuler Universität arbeitet.
So unterschiedlich die drei Frauen auch sein mögen: „Sie sind verschieden. Die eine blond, die andere dunkel. Die eine schon älter, die andere noch jung. Die eine Ehefrau und Mutter, die andere nie, niemals. Doch was sie verbindet, ist die unbändige Lust, etwas Neues zu begreifen." – Ihre Wege kreuzen sich, ob direkt oder indirekt, dennoch. Auf etwa 500 Seiten entwickelt Sandra Lüpkes hier ein berührendes Portrait der drei Romanfiguren und ihrer Liebsten.
Neben den Figuren des Romans wird auch der Ort, auf den der Titel des Buches referiert, mit neuem Leben erweckt. Das ehemalige erste Mädchengymnasium Istanbuls, das Mehpare als Kind besuchte, und auf dessen Gelände Magdas Mann Alfred Heilbronn später einen botanischen Garten errichtete, über dessen Schicksal Imke, viele Jahrzehnte später, mit einem Denkmalschutzgutachten entscheiden soll. Der Ort erscheint im Text in all seiner Geschichtsträchtigkeit. Die Frage nach dem Schicksal dieses belebten Ortes zieht sich als Leitprinzip durch den Text. Die entscheidende Antwort gibt Imke schließlich selbst: „Es gibt einfach keine richtige oder falsche Antwort auf die Frage, was mit diesem Ort geschehen soll, wer oder was hierhingehört, Religion oder Wissenschaft. Das Einzige, was schon immer war und ist und bleiben wird, ist die Veränderung.“
Besonders beeindruckend finde ich außerdem, als wie facettenreich sich die Erzählung herausstellte. Jedes einzelne Detail scheint genauestens überlegt, jede Formulierung bewusst getroffen zu sein. Dass das Grundgerüst der Geschichte – die Flucht Magda Heilbronns nach Istanbul, Mehpare als ehrgeizige Studentin an der Seite Magdas Mann Alfred Heilbronns -- dabei auf wahren Begebenheiten basiert, macht den Text umso lesenswerter. Wie im Anhang von der Autorin selbst erwähnt, werden die einzelnen Charaktere innerhalb des Textes zum Leben erweckt – und die Leser*innen (er)leben mit ihnen. Lüpkes Sprache ist dabei gefühlvoll, ruhig, ohne dabei an Tiefe einzusparen. Dezente Pflanzenmetaphorik webt sich dabei als verbindendes Element durch den Text und hat mich einige Male zum Schmunzeln gebracht. Auf den knapp 500 Seiten hat man als Leser*in reichlich Zeit, die Figuren ins Herz zu schließen, mit ihnen zu Leiden, zu lachen. Ebenfalls positiv hervorheben möchte ich, dass, obwohl der Roman das Leben dreier Frauen – zwei davon lebten vor etwa 100 Jahren – beschreibt, sind romantische Liebesbeziehungen lediglich ein Add-on, ein Teilaspekt in deren Leben. Die einzelnen Romanfiguren funktionieren als eigenständige Charaktere, sind nicht abhängig davon, mit einem Mann in Verbindung gebracht zu werden. Dass mich besonders die Liebe zwischen Magda und Alfred zutiefst berührt hat – „Ihr Lächeln. Alle Blumen der Welt“ (S. 347 Alfred über Magda) fand ich umso schöner.
Anmerken möchte ich, dass der Text als solcher relativ voraussetzungsreich ist, was das Wissen um Botanik angeht. Zu Beginn des Textes habe ich jede erwähnte Pflanze gegoogelt, um mir ein möglichst genaues Bild machen zu können, bin dann aber dazu übergegangen, mir zu erdenken, welche Art von Pflanze gemeint sein könnte, etwas erschlagen von der Fülle an lateinischen Fachbezeichnungen. Genannt werden nämlich unglaublich viele. Dasselbe gilt für Orte in der Türkei/ Istanbul. Wer also keine große Lust hat, neben dem Lesen noch viel Recherchearbeit zu betreiben, wird vielleicht anfangs etwas irritiert sein. Beeindruckend allerdings, dass Lüpkes sich all dieses Wissen im Rahmen ihres Schreibens angeeignet haben muss.