Frauen aus drei Generationen in Istanbul

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Die Schülerin Mehpare war schon immer so wissbegierig, dass ihre Mutter ihr predigte „Iss den Honig und frage nicht nach den Bienen“. Doch zur Zeit der Reformen Atatürks sollte es anders kommen, Mehpare würde im Istanbul der 1920er das erste Mädchengymnasium besuchen, studieren und ihr Leben lang als Botanikerin an Heilpflanzen forschen.

1933 forscht in Münster Alfred Heilbronn und ist sich sicher, dass er als zum Protestantismus konvertierter Botaniker genug für sein Heimatland geleistet hat, um vor Verfolgung durch die Nationalsozialisten sicher zu sein. Wie ihm ging es vielen deutschen Juden, die im oder nach dem Ersten Weltkrieg mit Orden geehrt worden waren. Doch als an der Universität eine schwarze Liste mit Namen jüdischer Professoren kursiert und seine Vorlesungen boykottiert werden, entschließt er sich, einen Ruf nach Istanbul anzunehmen, der von der „Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland“ vermittelt wird. Wie andere deutsche Exilanten ziehen die Heilbronns mit ihren fast erwachsenen Kindern nach Istanbul, Alfred soll dort im Zug der Modernisierung türkischer Universitäten ein Botanisches Institut gründen. Zunächst unterstützt ihn eine Dolmetscherin, doch er hat im Arbeitsvertrag unterschrieben, dass er innerhalb von drei Jahren Vorlesungen selbstständig halten wird. Als Assistentin stellt Heilbronn Mehpare ein, die erst durch eine Reform im folgenden Jahr einen Familiennamen wählen wird.

In der Gegenwart bereitet in Deutschland die beruflich noch unerfahrene Stadtplanerin Imke Voigt eine Reise in die Türkei vor, um als Assistentin des Architekten Kai Surau ein Gutachten zu erstellen zu Umnutzungskonzepten des ehemaligen Botanischen Gartens der Universität, Mehpares früherem Arbeitsplatz. Die Angelegenheit ist heikel, da die Bäume des Parks einen Hang befestigen und geschützt werden müssen – und weil seit 2014 die Religionsbehörde über das Gelände verfügt. Als ebenso heikel stellt sich für Imke heraus, dass ihre beste Freundin ihrem Partner Kai die Assistenten-Stelle offenbar als Gefallen für Imke abgeschwatzt hat.

Nach einem Prolog, in dem wir Mehpare 1926 als Schülerin auf dem Gelände des späteren Botanischen Instituts antreffen, folgt in sehr kurzen Kapiteln (jeweils mit Person, Ort und Jahr überschrieben) die Zuspitzung der Judenverfolgung in Deutschland, die Übersiedlung der Heilbronns nach Istanbul und die berufliche Zusammenarbeit zwischen Professor, Assistentin, Dolmetscherin und weiteren Personen. Der Epilog richtet sich auf das Jahr 1978 und erklärt, wie weitere Beziehungen zwischen den Universitäten von Istanbul und Münster entstanden sein können. Im Anhang werden die historischen Figuren ausführlich vorgestellt. Den Anhang würde ich erst nach der Lektüre des Buches lesen, ebenso weitere Recherchen zu den Personen bis dahin zurückstellen.

Ausführlich blickt Sandra Lüpkes auf Magda Heilbronn, die ebenfalls promovierte Wissenschaftlerin ist, ihren Beruf in den 30ern jedoch nicht ausüben kann und als Lehrerin gearbeitet hat. Da Magda fleißig Türkisch lernt und vielfältig interessiert ist, hätte zu anderen Zeiten sicher eine eigene Karriere vor ihr gelegen. Mit Mehpare, Magda und Imke treten drei akademisch gebildete Frauen aus drei Generationen auf. Beschreibung und Charakterisierung der Figuren finde ich sehr berührend, allerdings besteht der Roman für meinen Geschmack aus zu viel Beziehung und zu wenig Beruf. Über die Heilbronns, das Institut und die hochinteressanten Nebenfiguren hätte ich dagegen gern ausführlicher gelesen. Das erste Drittel des Buchs wie auch Imkes Erleben der Türkei der Gegenwart fand ich entschieden zu lang.

Fazit
Mit „Ein Ort, der bleibt“ ehrt Sandra Lüpkes Istanbul als Fluchtpunkt deutscher Emigranten, aber auch die Personen, die damals in der Türkei die Neuankömmlinge unterstützten. Ein melancholischer, sorgfältig recherchierter Drei-Generationen-Roman, der Istanbul von einer bisher unentdeckten Seite zeigt.